Sonntag, 21. September 2025

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: 7. Pumos

 
7. Pumos

Von Gummi-Burgern und 
Manierenmangel

Ich versteh echt nicht, warum meine Eltern nie Zeit haben, mir mal vernünftiges Essen einzupacken. Früher war es ja noch o.k. Aber inzwischen wird es echt nötig, immer diese Soße zu kaufen. So lecker ist die gar nicht, aber es ist besser mit als ohne. Keine Ahnung, woher Wolfiana die eigentlich hat. Ich werd den Verdacht nicht los, dass sie die Soße gar nicht selber produziert. Vielleicht stellt ihr Vater oder ihre Mutter - wobei, ja, eher ihre Mutter - die her. Bei Wolfiana müsste man dann ja Spuren sehen, Brandlöcher in der Kleidung zum Beispiel oder Kochspuren an den Fingernägeln. Das sind gar keine echten Fingernägel. Wolfiana klebt sich - ich weiß nicht so genau, seit wann sie das schon macht - solche künstlichen glitzerigen Fingernägel auf die Krallen. Ich hab das Gefühl, auf die Dauer ist das ziemlich ungesund für die Krallen - da muss man dann so einen chemischen Kleber draufmachen, der aus lauter komischen Chemikalien besteht. Ansonsten fallen diese Kunstnägel ja gleich wieder ab. Früher, in der Grundschule, da hatte Wolfiana noch nicht das Geld, um sich ungesunde Glitzernägel, überstylte Krawatten, protzige hypermoderne Fake-Mercedes-Autos und rote Mountainbikes zu kaufen. Damals bestand ihr tägliches Outfit aus einem schmutzigen Paar Stiefel, einem dunkelblauen geflickten Rock oder einer übergroßen ausgeblichenen Jeanshose und einem Oberteil wie einem dunkelblauen Schlabberpulli oder einem uncoolen Langarm-Shirt. Und sie hat ein einziges Outfit mindestens 2 Wochen lang getragen. Dann hatte ihr Vater plötzlich eine Menge Geld, und seitdem hat Wolfiana alles, um Klassencoolste zu werden.

Gerade haben wir Mittagessen. Es ist Montag. Den Montag mag ich nicht. Keine Ahnung, welcher Wochtentag mein Lieblingstag ist. Ich glaube, der Freitag. Am Freitag weiß man, dass man die Woche bald hinter sich hat, und kann sich aufs Wochenende freuen. Ich vor allem. Samstag und Sonntag sind die einzigen Wochentage, wo es leckeres Essen gibt. Dann nehmen sich meine Eltern nämlich die Zeit, um was vernünftiges zu kochen. Anders als an Schultagen. Manchmal hab ich beim Mittagessen labbrige oder zu harte Pommes dabei, manchmal Haferschleim, manchmal ein altes, hartes Brötchen ohne Geschmack. Heute ist es ein gummiartiger Burger, den es in jedem noch so billigen Supermarkt zu kaufen gibt und der mit so vielen Konservierungsmitteln und sonstigen ungesunden Chemikalien behandelt wurde, dass er bestimmt noch 10 Jahre im Kühlfach des Supermarkts stehen könnte und nicht vergammeln würde. Man braucht ihn nur einmal in der Mikrowelle zu erwärmen, dann ist er fertig. Ich muss schon sagen, man muss echt faul genug sein, um sowas überhaupt zu kaufen.
Ich nehme das obere Brötchen ab und schaue, was drin ist: bisschen knallgelber Käse, mit einer plastikartigen Schicht Koservierungskram überzogenes billiges Fleisch, Salat und eine Unmenge Dressing. Das Dressing ist vermischt mit überzuckertem Ketchup und Mayo.
Ich beiße lustlos in das pappige Brötchen. Sein Hellbraun kommt mir unnatürlich vor. Es schmeckt fad, fast nach nichts. Überhaupt nicht geschmacksintensiv.
Seufzend wühle ich in meiner Hosentasche und hole einen zerknitterten Geldschein heraus. Ich ticke Wolfiana an, die neben mir sitzt und gerade vor Bisoumes mit ihrer neuesten Krawatte prahlt.
Sie dreht sich zu mir um und schaut zu mir, redet währenddessen aber weiterhin auf Bisoumes ein.
Ich warte, bis sie mit ihrem Satz fertig ist, damit sie mir auch zuhört. Es kommt ziemlich oft vor, dass sie mich einfach ignoriert und überhört, wenn ich in sie reinrede, deswegen ist es schlauer, abzuwarten.
"Wolfiana!", sage ich schnell, bevor sie einen neuen Satz anfängt, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
"Ja?", fragt sie genervt. "Was ist?"
"Hier, nimm. Gegen eine Dose." Ich drücke ihr den Geldschein in die Hand und zeige auf eine Dose Soße, die sie hinter ihrem Rücken versteckt.
Wolfiana setzt sofort ihr komisches Wolfiana-Lächeln auf, blinzelt übertrieben und greift, immer noch blinzelnd, nach der Dose. Immer dieses dumme Blinzeln. Das macht sie, um auf ihre Wimpern aufmerksam zu machen. Inzwischen weiß ich, dass diese Wimpern gar nicht echt sind, so wie die glitzerigen Kunstnägel. Irgendwie neigt Wolfiana dazu, künstiche Sachen auf sich draufzukleben. Mir kommt das echt blöd vor. Sie ist noch viel zu jung, um sich über Schminke und sonstiges ähnliches Gedanken zu machen. Meistens beachte ich das einfach nicht so.
Wolfiana hält mir die Dose hin und fängt wieder an, mit Bisoumes zu reden. Ich reiße ihr die Dose mit der Soße aus der Pfote und mache den Deckel ab. Ein langweiliger, aber starker Geruch steigt mir in die Nase. Eindeutig Soße. Die Zutaten kann ich nicht genau erkennen. Tomate ist drin, Zucker, Curry, Kräuter, Salz... Ich zucke die Achseln und schütte mir den Inhalt der Dose auf meinen Gummiburger. Ich glaube, Gummiburger mit Soße ist auch nicht viel leckerer, aber immerhin schmeckt es dann überhaupt nach irgendwas.
Ich mache mein Maul so weit ich kann auf und beiße so viel wie möglich vom Burger ab. Ungefähr 2 Drittel des Burgers hab ich jetzt abgebissen. Nee, lecker ist der nicht. Trotz Soße.
Ich mampfe mit vollen Backen, schlucke alles auf einmal runter und stopfe mir noch den Rest des Burgers ins Maul. Ein paar laute Kaugeräusche kann ich nicht verhindern. Ich weiß, ich esse ziemlich unhöflich. Keine guten Manieren. Aber keine Sorge, die guten Manieren hab ich schon längst verlernt. Seit ich mit Wolfiana und Bisoumes befreundet bin. Die beiden haben nämlich auch keine.
Irgendwie ist es manchmal ja auch leichter ohne. Zum Beispiel kann man mampfen und schmatzen. Man muss also nicht darauf achten, komplett geräuschlos und mit geschlossenem Maul zu essen. Auch ist es ja irgendwie cool, keine Manieren zu haben. Also, wenn es schon als cool gilt, Schimpfwörter zu benutzen und andere zu beleidigen, und wenn es als uncool gilt, fleißig, gewissenhaft und gerecht zu sein. Es gibt übrigens eine Gruppe, die nach diesen Kriterien "uncool" wäre: Die Gruppe von Hanusz, Ponita, Tigia und Feldmausina. Dazu gehört ja eigentlich auch noch dieser Luchsa Pinslego von der Schule nebenan. Die leben ganz schön in ihrer eigenen Welt, wo es nur darum geht, Feldmausinas zu helfen, vor Wolfiana zu flüchten und sich untereinander zu zerstreiten.

"Schmeckt die Soße?"
War ja klar, das fragt sie immer. Weil sie sich überzeugen will, dass ich immer noch ihr Kunde bin. Widerwillig schaue ich zu Wolfiana, zu ihrem zuckersüßen gekünstelten Lächeln.
"Hm", mache ich, zucke mit den Achseln und drehe mich wieder weg. Ehrlich gesagt schmeckt die Soße nicht wirklich. Ja, schon, natürlich, sie gibt dem Essen einen Geschmack... Aber ob man sagen kann, dass das Essen dadurch wirklich lecker wird? Ich sag mal so: Die komische Soße von Wolfiana ist immerhin besser als gar keine Soße. Nur - So wirklich helfen tut sie eben nicht.
"Brauchst mich nicht immer zu fragen", grummele ich und mache meine leere Brotbox zu. Ich weiß, inzwischen bin ich so ziemlich der Klassengrummeligste. Jedenfalls mache ich auf die meisten diesen Eindruck.

Das Mittagessen ist jetzt vorbei. Wir müssen aus der Mensa raus und wieder nach unten. Unten auf dem Schulhof werden wir dann noch von den Lehrern verabschiedet und erst dann ist offiziell Schulschluss.
Ich renne die Treppe nach unten, auch wenn Rennen eigentlich verboten ist. Ein paar Mal bin ich auch schon das Treppengeländer runtergerutscht.
Unten mache ich meinen Spind auf, hole meinen Rucksack raus und stopfe meine Brotbox in meinen Rucksack. Ich renne auf den Schulhof.

Hasinde verabschiedet uns. "So, liebe Schüler, jetzt könnt ihr gehen!", ruft sie. Die Tierkinder stürmen sofort los.
Ich auch. Ich renne zu meinen Eltern und meiner großen Schwester, die vor dem Schultor warten. Die Trinkflasche in meinem Rucksack klappert laut. Das kann echt nervig sein.
"Komm, Pumos", sagt mein Vater entschieden. "Wir fahren dich jetzt nach Hause, und danach müssen wir noch zur Autowerkstatt. Wir wurden heute angefahren."
Ich folge meinen Eltern und meiner großen Schwester zum Auto. Die Fahrertür ist etwas verbeult und hat ein, zwei Kratzer. Mein Vater drückt auf den Autoschlüssel. Die Blinklichter blinken. Ich mache den Kofferraum auf und stelle meinen Rucksack rein. Dann öffne ich die Autotür und setze mich hinten hin. Durch das Autofenster sehe ich, dass meine Eltern noch vor der verbeulten Fahrertür stehen bleiben, sie verärgert anschauen und den Kopf schütteln.
Mein Vater reißt die Tür auf. Er und meine Mutter steigen ein und schnallen sich an. Meine Schwester und ich schnallen uns auch an. Mein Vater fährt los.
"Pumabella?", ruft er nach hinten.
"Ja?", murmelt neben mir meine Schwester.
"Wenn du wieder das Auto siehst, das uns angefahren hat, sag uns bescheid!"
"Ja, okay..."
Pumabella hat heute früher Schulschluss gehabt als ich, deshalb war sie heute wahrscheinlichauch schon mit meinen Eltern im Auto und hat das blöde Auto gesehen.
Wir fahren über eine langweilige Straße, dann über eine langweilige Autobahn. Meine Eltern murren leise über den fahrlässigen Autofahrer, der sie angefahren hat. Teilweise reden sie miteinander, teilweise führen sie Selbstgespräche.
Ich stütze den Kopf auf die Pfoten und schaue aus dem Fenster. Autobahn, Autobahn, Autobahn. Schwarze Teerstraßen, blaue Schilder mit weißen Pfeilen und Namen von Städten, Lärmschutzwände mit Graffiti, graue Leitplanken, schwarze, dunkelblaue, graue, weiße und rote Autos, die alle die gleiche Geschwindigkeit fahren und sich gegenseitig überholen... Autobahn halt.
Moment mal. Ein Auto fährt schneller als die anderen und überholt viele Autos, manchmal ist das sogar ziemlich gefährlich. Ich höre viele Autohupen. Das blöde Auto wird also angehupt.
Pumabella wird durch das viele Hupen auf das Auto aufmerksam. Sie tickt mich an. "Pumos!", raunt sie. "Das ist das Auto, das uns angefahren hat!"
Vorne am Lenkrad zuckt mein Vater zusammen. Er fährt herum. "Was?!" Er starrt zum Fenster hinaus. Meine Mutter fährt die Fensterscheibe heunter.
Mein Vater schaltet den Gang höher und fährt, schneller als erlaubt ist, auf das rote Auto zu. "Hey!", brüllt er durch das offene Autofenster. Das Autofenster des brutalen Fahrers ist auch offen. Als wir nah genug sind, höre ich, dass aus dem Auto laute Musik kommt.
"HEY!!!", brüllt mein Vater noch mal. "Sind Sie der, der uns angefahren hat?!"
Der Autofahrer, ein hässlicher grauer Wolf, bleibt kalt. In seinem Maul steckt eine lange Zigarette, aus der stinkender Rauch kommt. Meine Nase zuckt ein paar Mal, dann muss ich niesen. Als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich, dass das Auto gefährlich nah an unsers herangefahren ist. Die Musik wird lauter und lauter, der Zigarettenrauch stinkender und unerträglicher.
Das Auto sieht aus wie ein matt rot schimmernder Mercedes-Benz. Hm. Eher fake. Ein Fake-Mercedes!
Am Steuer ist Wolfimir, Wolfianas Vater. Ich beuge mich vor und stupse meinen Vater an. "W. K.!", raune ich. W. K. Wolfimir Kremlin. "Der Superreiche mit der Soßen-Tochter... Der Soßenproduzent!", murmelt meine Mutter.
Plötzlich zerrt mein Vater Pumo seine Mundwinkel so weit nach oben, wie er kann. Ich verdrehe die Augen. Jetzt will er nett tun, damit Wolfiana mir weiter die Soße verkauft, damit er und meine Mutter mir kein vernünftiges Essen machen müssen.
So ein Teufelskreis. Faulheit. Kein gutes Essen. Soße. Besseres Essen. Bezahlen. Geld weg. Arm. Kein Geld für gutes Essen. Schrottessen. Soße. Und so weiter.

Durch das getönte Fenster des Fake-Mercedes sehe ich Wolfiana. Sie verkauft die Soße. Soll ich das jetzt gut oder schlecht finden? Keine Ahnung. Ich verschränke die Arme. Ich brauche die Soße. Aber sie verschlimmert den Teufelskreis.
Wolfiana winkt. Sie sagt etwas wie Hallo. Ich winke grummelig zurück. Supergrummelig. Ich bin der Klassengrummeligste.
Ich bin der Einzige, der Schrottessen wie Gummiburger oder Labberpommes dabei hat. Der einzige, der keine Manieren hat und trotzdem uncool ist. Der einzige, der schon Bartflaum hat. Und vor allem der KLASSENGRUMMELIGSTE.

Sonntag, 31. August 2025

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: Nachtrag

Nachtrag

Wolfiana trat so schnell sie konnte in die Pedale. Sie war sich ziemlich sicher, Luchsa, Tigia und die anderen abgehängt zu haben. Was aus Hazian wurde, war ihr egal. Vielleicht hatte er Luchsa, Tigia, Hanusz und Ponita irgendwie bewegungsunfähig gemacht. Oder vielleicht hatten sie ihn bewegungsunfähig gemacht. Es konnte auch sein, dass sie ihn verprügelt hatten. Das war ihr egal. Hauptsache, sie war allein mit Feldmausina und hatte die auch noch unter ihrer Fuchtel. Hauptsache, niemand konnte Feldmausina jetzt helfen.
Was hatte Wolfiana vor? Sie hatte vor, Feldmausina das Leben schwer zu machen:
"Ich durfte meine Agression nicht mehr vor allen zeigen, nur unter vier Augen, damit nur das Opfer davon wusste. Und dieses Opfer ist Feldmausina. Ich hasse sie, seit sie sich mit 5 Jahren gegen mich gewehrt hat. Ich habe Ponita und sie entführt, aber sie haben Widerstand geleistet und mich in die Flucht geschlagen. Ich sehe sie noch vor mir, als wäre all das nicht vor 5 - 6 Jahren, sondern erst gestern passiert. Es gibt ein Bild, das mir nie wieder aus dem Kopf gehen will: Ponita und Feldmausina Arm in Arm, unzertrennlich, ein starkes Team, die besten Freunde. Und an dieser Freundschaft durfte und konnte ich nie teilhaben. Sie waren zu gut und ich zu böse.
...
Dann denke ich nach und jedes Mal überkommt mich die schmerzhafte Erkenntnis, dass so eine ehrliche, beschwerdenlose Freundschaft wie die von Ponita und Feldmausina bei mir nie möglich sein wird. Denn irgendwann bekomme ich immer das Bedürfnis nach Chaos, Schaden und Rache. Und dann zerbricht die neugewonnene Freundschaft, weil ich sie zerstöre. Mein Wunsch nach Rache ist zu groß. Mein Hass und meine Unglücklichkeit sind zu stark."
Wolfiana legte eine Vollbremsung hin. Feldmausina, die nicht richtig auf einem Sitz saß, flog in hohem Bogen vom Fahrrad. Wolfiana lachte darüber, aber sie wurde schnell wieder ernst und beeilte sich, vom Fahrrad zu steigen und den Fahrradständer auszuklappen. Ihre Bewegung mit dem Bein war so fahrig, dass sie den Fahrradständer verfehlte und ihr rotes Fahrrad zur Seite kippte und ins Gras fiel. Wolfiana ärgerte sich einige Sekunden lang, dann war es ihr plötzlich egal und schließlich fand sie, es wäre gut so. Mit einem schiefen, schadenfrohen Grinsen auf den Lippen ging sie auf Feldmausina zu, die rücklings vor ihr auf dem Boden lag und nicht dazu fähig war, sich aufzurichten.
Die Wölfin blieb vor ihr stehen und beugte sich über sie. Ihr Grinsen wurde zu einem Lächeln, hämisch, gemein, listig, fast sanft. Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig. Er wurde wütend und aggressiv. Sie bückte sich nach einem herumliegenden Stock, hob ihn auf und schlug Feldmausina damit erst auf die Beine und dann auf den Bauch. Die wehrlose Feldmaus rollte sich auf die andere Seite, stützte sich ab und stand auf. Flucht war kaum möglich, denn Wolfiana war auf dem Fahrrad sehr schnell und es würde zu einer Verfolgungsjagt kommen. Liegenbleiben konnte sie auch nicht. Zwar war sie körperlich nicht in der besten Verfassung und sehr erholungsbedürftig, aber Zeit für Erholung war nicht vorhanden und sie konnte auch nicht einfach liegenbleiben; so wäre sie Wolfiana komplett ausgeliefert. Also stand sie mühsam auf und stellte sich Wolfiana gegenüber. Sie verstand nicht, warum Wolfianas Hass auf sie so stark war, aber sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie musste jetzt kämpfen. Mit Verstärkung konnte sie nicht rechnen. Hanusz, Ponita, Luchsa und Tigia waren wahrscheinlich mit Hazian beschäftigt. Sie war auf sich allein gestellt. Feldmausina wünschte sich, sie wäre nicht zu dieser Verabredung gekommen. Dann wäre das definitiv nicht passiert. Dann würde sie das auch nicht alles ihren Eltern sagen müssen. Die waren zurzeit zwar sehr beschäftigt (sie wusste nicht genau, womit), aber die Prügelei würde bestimmt ihre Spuren hinterlassen, und ohne ein Geständnis würde sie bei ihrer Mutter Feldmausilia Feldov ganz sicher nicht durchkommen.

Nur waren alle diese Gedanken leider alle unnötig. Es ging jetzt darum, ob sie überlebte, und nicht darum, was ihre Eltern sagen würden. In letzter Zeit sagten die übrigens ziemlich wenig. Sie waren nicht mehr gesprächig wie früher. Sie waren zu beschäftigt. Wenn sie viel redeten, dann mit Fremden. Diese Gespräche waren sehr wichtig, das wusste Feldmausina, aber warum, das wusste sie nicht. Manchmal kamen ihre Eltern ausgelaugt und erschöpft, aber auch erleichtert und beruhigt von diesen Gesprächen zurück. Oder manchmal kehrten sie auch mit hängenden Schultern und unzufriedenen, empörten Gesichtern zurück. Und egal wie sie zurückkamen, ernst blieben sie immer.

"Aua!", schrie Feldmausina plötzlich und hielt die Pfoten schützend vor ihren Kopf. Sie war wieder in Gedanken versunken und hatte dann die grausame Erkenntnis machen müssen, dass Wolfiana wieder mit dem Stock nach ihr schlug. Feldmausina sah auf dem Boden einen weiteren Stock, griff nach ihm und brachte sich in Kampfposition. Als Wolfiana zu einem weiteren Schlag ansetzte, wehrte sie den mit ihrem eigenen Stock erfolgreich ab. Da Wolfiana aber schnell und systematisch vorging, bekam Feldmausina trotzdem Schläge ab. Ab und zu schaffte sie es auch selber, Wolfiana Schmerz zuzufügen. So ging es lange weiter.
Nach einer Weile zeigte sich dann aber doch, dass Wolfiana, die Wölfin, einfach stärker war und länger durchhielt. Während Feldmausina zunehmend langsamer und ungeschickter wurde und immer schwerer atmete, war Wolfiana noch ziemlich fit.
Schließlich gaben Feldmausinas Arme und Beine nach. Ihre Arme wollten ihr nicht mehr gehorchen - sie verfehlte Wolfiana und der Stock fiel ihr mehrmals runter.
Ihre Beine wurden weich wie Spaghetti. Es war schwer für sie, sich weiter auf ihnen zu halten und sich nicht fallen zu lassen. Wolfiana gewann schnell an Übermacht. Ihre nassen Lippen verzogen sich zu einem siegreichen Lächeln, das zu einem Lachen wurde. Sie lachte immer lauter und hämischer.

 

***

 

Während  Feldmausina und Wolfiana miteinander kämpften, folgten Tigia und Luchsa den frischen Reifenspuren im Rasen. Sie waren kurz davor, die Streithähne (in dem Fall Streithennen) hinter einer Hecke zu entdecken, als sie hinter sich unbeholfene schnelle Schritte und schweren Atem hörten. Luchsa und Tigia stellten die Ohren auf, schnupperten in der Luft und schauten schließlich nach hinten. Beide hatten nur einen Gedanken, als sie seine Anwesenheit mit allen Sinnen merkten: Hazian!
Luchsa drehte sich zu seinem ehemaligen Freund um. Hazians Krawatte war verrutscht, der Hemdkragen aufgerissen, der eine Ärmel zerrissen und die Hose voller Trittspuren. Anscheinend hatten Hanusz und Ponita versucht, ihn aufzuhalten, es aber nicht geschafft und sich nicht getraut, ihm aus dem Fenster zu folgen.
Luchsa war bereit, handgreiflich zu werden. Aber Hazian schien in ziemlich friedlicher Absicht hergekommen zu sein. "Luchsa, die Lage ist ernst!", sagte er, und es war ihm offenbar wirklich ernst. "Du verstehst sie nur falsch. Aber Feldmausina gehört nicht zu uns. Sie hat keinen Platz hier! Sie macht nur Ärger, wirklich! Sie hätte niemals zu dieser Verabredung kommen dürfen! Jetzt..." Er hüstelte.
"Jetzt hast du die ernste Lage so weit ausgeweitet wie es geht, indem du Feldmausina Wolfiana ausgeliefert hast und es uns allen damit schwer machst", knurrte Luchsa.
In der Welt gab es für ihn viel zu viele Zweifel. Ponita und Hanusz hatten Angst, aus dem Fenster zu springen, denn sie befürchteten, ihnen könnte etwas passieren. Hazian hatte Angst, Feldmausina zu helfen, denn er befürchtete, er könnte dadurch uncooler werden und Feldmausina könnte Ärger machen.
Aber diese ganzen Zweifel hinderten die Leute daran, klare Entscheidungen zu treffen, ohne die Luchsa es nicht lange aushielt, weil sie für ihn sehr wichtig waren.

 

***

 

Luchsa, Tigia, Hanusz und Ponita schafften es, Feldmausina und Wolfiana zu finden.
Es wurde langsam sehr spät. Irgendwann gab Wolfiana von alleine auf, um nach Hause zu gehen und zu Hause, nicht in Hanusz's Garten, zu schlafen, aber wenn sie gekonnt hätte, hätte sie weitergekämpft. Und sie würde nicht locker lassen. Wenn das Wochenende vorbei war und die Schule wieder anfing, würde sie versuchen, Feldmausina weiter das Leben schwer zu machen...

Sonntag, 17. August 2025

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: 6. Luchsa

 
6. Luchsa 

Mittwoch
Weil sie Bock hat

Luchsa ist mein Vorname, Pinslego mein Nachname.
Hazian ist jetzt eine beleidigte Leberwurst, weil Hanusz in Wolfiana verknallt ist oder war. Ja, war. Ich glaube, er ist es nicht mehr. Und er konnte ja auch nichts dafür! Ich verstehe einfach nicht, was für Hazian jetzt so meeega schlimm daran ist! Ja klar, Hazian und ich und eigentlich auch Hanusz hassen Wolfiana mehr als jeden anderen, aber Hazian übertreibt es einfach. (!) Er ist nachtragend und schon riskiert er die Freundschaft - es ist einfach arg übertrieben, anders kann man's auch nicht ausdrücken.

Es ist schon wieder ein Tag vergangen. In der Schule hat Hazian mich gemieden. Und wenn er mich sah, hat er so komisch gegrinst, als hätten Hanusz, Tigia, Ponita und ich die Schuld. Es ist einfach schade, dass wir keine Freunde mehr sind. Ich hatte nur Hazian. Aber jetzt sind wir zerstritten. Und er wird garantiert keinen Versuch machen, die alte Freundschaft wiederaufzubauen. Und es ist schade, dass Hanusz, Tigia und Ponita auf eine andere Schule gehen als ich. Jetzt hab ich auf meiner Schule gar keinen mehr. Und deshalb macht sie mir keinen Spaß mehr. Ich würde alles dafür geben, die Schule zu wechseln.

Zum Glück ist die Schule jetzt vorbei. Ich laufe zum Schulgebäude von Hanusz, Tigia und Ponita. Es liegt direkt gegenüber.
Ich winke, als ich die 3 sehe.
Hanusz winkt. Ponita winkt. Und Tigia winkt auch. Als ich nah genug bin, begrüßen sie mich.
"Was ist mit Hazian?", fragt Hanusz.
"Ist er immer noch so komisch drauf?", fragt Tigia.
"Ist er aggro?", fragt Ponita.
"Er ist 'ne beleidigte Leberwurst", sage ich knapp. "Er ist komisch drauf, aber nicht aggro."
Tigia schaut von mir zu Hanusz und von Hanusz zu Ponita.
Hanusz seufzt. Ponita pfeift. "Wen hast du überhaupt noch an deiner Schule?", fragt sie. "Hazian war doch dein eiziger Freund..."
Hanusz und Tigia schauen sie blöd an. Sie denken, mir ist das unangenehm.
"Stimmt doch, oder?" Ponita ringt sich ein Lächeln ab.
"Ihr könnt ruhig drüber reden", sage ich. Nicht dass sie noch geheimniskrämerisch werden! Das würde ich nicht aushalten. "Ja, es stimmt. Ich hab grad gar keinen außer euch, aber ihr seid nicht auf meiner Schule."
Hanusz schüttelt den Kopf. "Hmm... Du müsstest die Schule wechseln."
"Weiß ich doch!" Das kommt mir echt komisch vor, dass sie an all das noch nicht gedacht haben. Hanusz, Ponita und Tigia regen mich auf. "Jetzt tut doch nicht so geheimniskrämerisch! Haben alle alles kapiert?" Ich hasse es, wenn etwas ungeklärt ist und im Argen liegt.
Die 3 nicken. Tigia fragt: "Warum rastest du aus?" Argh! Ich raste doch gar nicht aus! Ich drehe mich weg und atme tief ein und aus.
Tigia versucht es nochmal. "Denkst du, Hazian wird noch normal?" Hanusz und ich schütteln die Köpfe.
"So wie ich ihn kenne, nicht", erklärt der Hahn.
"Aber wir können es ja nochmal mit ihm versuchen", meint Ponita. "Ist immerhin leichter, als die Schule zu wechseln."
Hanusz nickt. "Einmal können wir uns ja noch mit ihm treffen. Dann schauen wir, ob er immer noch so eingeschnappt ist."
"Wann? Bei wem?", fragt Tigia. "Bei mir würde es eigentlich nur am Freitag passen. Am Montag hab ich nämlich Ballett und Mathe, am Dienstag Leichtathletik, am Mittwoch Klavier, Mathe und Tennis und am Donnerstag Englisch und Ballett. Der Freitag ist bei mir der freie Tag."
Hanusz, Ponita und ich sind einverstanden. "Bei wem?", frage ich. Diese Frage hat Tigia auch aufgeworfen.
"Bei mir würde gehen", sagt Ponita.
"Bei mir auch", sagt Hanusz.
Manchmal nerven mich meine Freunde ein bisschen, weil sie ständig Stunden dafür brauchen, eine einfache Entscheidung zu treffen. Sie denken nie daran, dass andere vielleicht keine Zeit dafür haben.

Nach einer langen Diskussion haben wir abgemacht, dass das Treffen am Freitag direkt nach der Schule bei Hanusz stattfindet und Feldmausina auch dabei ist.
Heute ist Mittwoch. Übermorgen treffen wir uns. Meine Eltern sind einverstanden. Die von Tigia, die von Hanusz, die von Ponita, die von Feldmausina und die von Hazian auch.

Hanusz und ich fahren nebeneinander auf unseren Fahrrädern nach Hause. Wir haben sehr lange über die Verabredung übermorgen geredet, deswegen ist es schon spät. Hanusz ist in seine Gedanken versunken, wir reden nicht viel.
Ich denke darüber nach, dass Tigia heute eigentlich Klavier, Mathe und Tennis hat. Aber sie hat ja noch lange mit uns diskutiert, also verpasst sie ihre Kurse jetzt bestimmt. Ich kann mir vorstellen, wie ihre Eltern reagieren. Also begeistert werden die schon mal nicht sein.
Hanusz lässt den Lenker los und winkt. "Mach's gut, Luchsa!", ruft er mir zu und biegt ab. Ich schaue ihm nach. Sein roter Hahnenkamm und seine Krawatte flattern.
Ich höre eine Fahrradklingel. Weil ich angehalten habe, um Hanusz nachzuschauen, habe ich jemandem (wahrscheinlich einem gestressten erwachsenen Fahrradfahrer) den Weg versperrt. Ich mache den Weg frei und schaue mich um. Ein gestresster erwachsener Radfahrer. Ich wusste es. Er ist eine graue Dogge ohne Fahrradhelm. Die gestresste erwachsene Dogge nickt mir zu, dann braust er weiter. So viel Fahrradverkehr!

Ich fahre schnell weiter. Ich will abbiegen.
"Luchsa!" Eine vertraute Stimme.
"Luchsa Pinslego!" Reifenquietschen. Jemand bremst. Ich bremse auch.
"Luchsa!"
Leicht genervt drehe ich mich um. Tigia auf einem Fahrrad. Ehrlich gesagt hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie ein Fahrrad hat.
"Tigia! Was machst du hier?"
"Ich fahre Hanusz und dir hinterher." Sie versucht zu lächeln, aber es kommt ein ganz komischer Gesichtsausdruck raus. Gequält-Freudig-Schuldbewusst-Ängstlich. Weil mir sonst nichts einfällt, frage ich: "Warum? Woher hast du das Fahrrad? Du fährst sonst nie Fahrrad."
Tigia nickt. "Ja, es steht immer auf dem Schulhof."
"Was ist mit deinen Eltern? Holen sie dich nicht mit dem Auto ab?"
"Nee. Ich hab zu lange mit euch geredet, ich hab sie verpasst."
"Warten sie nicht auf dich? Und deine... äh... Kurse?"
"Heute keine Kurse! Ich hab sie jetzt verpasst. Und weil meine Eltern nicht auf mich gewartet haben, können sie mich auch nicht zu den Kursen fahren."
"Hm." Ziemlich mutig von Tigia, die Kurse heute einfach auszulassen. Und für diesen Mut werden ihre Eltern sie bestimmt bestrafen. 
"Heute keine Kurse!" "Nee. Ich hab zu lange mit euch geredet, ich hab sie verpasst." "Ich fahre Hanusz und dir hinterher." Warum?
"Warum fährst du uns hinterher?"
"Weil ich Bock hab."
"Du könntest auch einfach nach Hause radeln."
"Nee. Keine Lust."
Uns hinterherzufahren, weil sie Lust hat. Sowas hab ich noch nie gehört. Ich hab sie mir irgendwie ganz anders vorgestellt. So, als hätte sie Angst, Ärger von den Eltern zu kriegen. Aber anscheinend ist es ihr egal. Und das ist mutig.
Ich zögere kurz, dann frage ich: "Hast du keine Angst, dass deine Eltern dir 'ne Standpauke halten?" Ich fahre ein Stück weiter, um gestressten erwachsenen Radfahrern aus dem Weg zu sein.
Tigia folgt mir. "Doch." Ihre Stimme ist nur noch ein Flüstern. Ihre Augen glühen. Sie steigt vom Fahrrad und schiebt es mit ihrer rötlichen Pfote zur Seite. "Aber ich... will einfach nicht!" Ich kann sie verstehen. Sie will nicht zu den Kursen, weil sie ihr keinen Spaß machen. Und sie will nicht nach Hause, weil sie dort ausgeschimpft wird.
Sie folgt Hanusz und mir, weil sie Bock hat. Einfach nur, weil sie Bock hat. Nicht, weil sie das muss. Sie macht nie etwas, weil sie Lust hat. Sie macht alles, weil sie das muss. Aber sie will nicht mehr. 
Es wird schon langsam dunkel. Ihr orange-schwarz gestreiftes Fell glänzt im Licht, das aus den Festern kommt, und im Licht der Straßenlaternen. Ich schaue sie erwartungsvoll an. Wie lange will sie hier noch sein? Sie scheint nicht vorzuhaben, sich zu verabschieden. Ich kann sie ja auch verstehen. Sie hat Lust, hierzubleiben, und sie hat keine Lust, nach Hause zu radeln. Aber es wird schon dunkel. Und ich muss nach Hause... Genau wie sie. Sie muss bestimmt noch dringender nach Hause als ich.
Ich betrachte ihr gestreiftes Fell. Im Zusammenhang mit dem Licht aus den Fenstern, der hereinbrechenden Dunkelheit und der rötlichen Farbe der Wolken am Himmel wirkt es spektakulärer als sonst. Ich würde gern beobachten, was mit ihrem Fell passieren wird, wenn es dunkel wird. Sie will auch hierbleiben. Nur ihre Eltern wollen, dass sie nach Hause kommt. Ansonsten keiner. Trotzdem muss sie zu ihren Eltern. Dringend.
"Tigia..." Meine Ohren mit den langen Pinseln zucken, als ich das sage.

Tigias Blick fällt auf mein Fahrrad. Auf meinen ausgeklappten Fahrradständer. Ich steige vom Sattel und klappe ihn ein.
Tigia versteht das Zeichen und tut es mir gleich. Ich klopfe ihr auf die Schulter. "Bis übermorgen. Ich muss nach Hause."
Tigia gibt sich einen Ruck. "Bis übermorgen, Luchsa." Sie steigt aufs Fahrrad. "Ich muss auch nach Hause."
Ich setze mich auf den Sattel und trete in die Pedale. Eigentlich will ich es nicht tun, aber ich schaue mich um. Sie auch. Ich lasse den Lenker los und winke.
Tigia ringt sich ein
 gequält-freudig-schuldbewusst-ängstliches Lächeln ab. Sie schaut mich mit einem Blick an, der all ihre Gefühle von den letzten Minuten wiederspiegelt. Angst. Freude. Und noch andere, die man nicht in einem Wort zusammenfassen kann.
Unwillkürlich muss ich lachen. Ich biege ab. 
Ich kann Tigia nicht mehr sehen, aber ich spüre ihren Blick auf mir, spüre, wie ihre Lippen meinen Namen formen, und spüre, wie sie sich abwendet und beim Gedanken an die Standpauke ihrer Eltern ihr Herz rasen hört.

Hörner! Jemand mit Hörnern lugt hinter einer Hauswand hervor!
Bisoumes! Er hat uns ausspioniert. Er hat ja diesen lächerlichen Wettstreit mit Tigia. Und er weiß jetzt, wie viel Mut in ihr steckt. Ich zeige ihm das Victory-Zeichen und biege schnell ab.
Hinter mir höre ich das Bison schnauben.

Zu Hause putze ich mir nur noch die Zähne und gehe in mein Zimmer, um mich dort direkt ins Bett zu legen und nachzudenken.
Es klopft. Ich mache auf. Meine Mutter kommt rein. "
Gdzie byłeś tak długo? Kto to jest bizon? A kto to tygrysica? Widziałam cię przez okno." Wo warst du so lange? Wer ist das Bison? Und wer ist das Tigermädchen? Ich habe euch vom Fenster aus gesehen.

 

Donnerstag

Verrat 

Heute in der Schule hat sich Hazian noch komischer als gestern verhalten. In der Pause hat er mich auf eine sehr komische Weise auf die Verabredung morgen angesprochen: Er hat mir gesagt, dass er nicht einverstanden damit ist, dass Feldmausina dabei ist. Was hat er gegen sie? Er hat gesagt: "Luchsuš, es ist okay, dass wir uns noch ein mal treffen und es ist nicht schlimm, dass Hanusz in Wolfiana verliebt ist, aber es ist schlimm, dass er überhaupt verliebt ist und dass er dabei ist. Und warum soll diese komische Feldmaus dabeisein? Sie nimmt doch nur Platz weg und macht Chaos und außerdem soll sie ja nur dabeisein, damit ihr sie vor Wolfiana verstecken könnt! Die Lage ist ernst, Luchsuš. Wir dürfen jetzt nicht nur versuchen, alle zusammenzuhalten und uns um die Probleme von anderen Leuten, nämlich Feldmausina, kümmern. Die gehen uns nichts an. Stattdessen müssen wir machen, was für uns wirklich gut ist - vor allem dürfen wir keine Unsicherheit zulassen! Hanusz, Ponita und Tigia sind die Underdogs... Die Beliebten, Starken sind Wolfiana, Bisoumes und Pumos! Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten, anstatt die Gemeinschaft zu stärken versuchen und uns gegenseitig unter die Arme greifen!" Dann hat er seinen Blick verfinstert und bissig hinzugefügt: "Aber wenn ihr das nicht begreift und nur an euren Zusammenhalt denkt, könnt ihr ja machen, was ihr wollt, und ich helfe euch nicht dabei, euch selbst zu zerstören."

Wie er schon redet! Früher war er ganz anders! Er denkt nur an sich! Selbstzerstörung, was für ein Sarkasmus! Hazian versteht die ernste Lage völlig falsch. Wir können nur stark sein, wenn wir alle zusammenhalten, und dafür brauchen wir nicht die Hilfe von irgendwelchen Obercoolen! Meinetwegen können wir die Underdogs gerne sein! Aber er will obercool sein und dafür so weit gehen, mit Wolfiana und Bisoumes zusammenzuarbeiten. Dabei könnte doch alles gut werden, wenn wir zusammenhalten und uns gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind Wolfiana wehren! Hanusz, Ponita, (Tigia) und ich hassen Wolfiana, weil wir wissen, wie viel Schaden sie in der Vergangenheit angerichtet hat - und ich dachte sogar, Hazian würde sie auch hassen. Aber ich habe mich getäuscht und er hat uns verraten. Ihm geht es nur darum, dass er obercool ist, egal was dadurch mit unserer Freundschaft passiert. Hanusz und ich haben ihm von Anfang an getraut und hatten nicht den blassesten Schimmer von seinen Plänen. Es wirkte so, als würde er richtig zu uns dazugehören und genau der gemeinschaftsorientierte, schlaue, gerechte, wolfianahassende Underdog wie wir sein. 
Und plötzlich hat er angefangen, uns zu kritisieren, nachtragend und eingeschnappt zu sein und uns vorzuwerfen, selbstzerstörerisch zu sein. Als Vorwand für den Streit hat er die Tatsache genutzt, dass Hanusz in Wolfiana verliebt war und würde Wolfiana so sehr hassen, dass er es nicht akzeptieren konnte, dass Hanusz in sie verknallt war. Dabei hasste er sie gar nicht (vielleicht mochte er sie sogar selber!!!) und wollte nur einen Grund dafür haben, sich von uns abzutrennen. Das ist die ganze Wahrheit über Hazian, der früher mein Freund war und dem ich mehr als jedem anderen vertraut hatte.

Jetzt ist Schulschluss. Gerade habe ich Hanusz, Tigia, Ponita und Feldmausina alles über Hazian erzählt. Hanusz ist über den Verrat empört, Tigia enttäuscht, Ponita sauer und Feldmausina verwirrt.
Stille.

Schließlich fragt Tigia zögerlich: "Laden wir ihn trotzdem ein?"
Es gibt eine Meinungsverschiedenheit.
"Nein! Kommt nicht infrage!", findet Ponita. Hanusz ist da anderer Meinung. Sein Argument: "Ich will jegliche Kontaktaufnahme mit Hazian Ohrt vermeiden. Deshalb ist es weniger riskant, ihm einfach nichts weiteres mitzuteilen und dass es von ihm abhängt, ob er kommt oder nicht."
Feldmausina meint: "Sollen wir ihm nicht doch eine Chance geben? Wenn er sieht, wie gut wir zusammenhalten, kommt er vielleicht wieder zur Vernunft."
Vielleicht, vielleicht. Wenn, wenn. Alles tolle Wörter, aber zu nichts nütze. Natürlich sind Hanusz und Ponita mal wieder ewig am diskutieren. Das regt mich ziemlich auf.

Ein Beispiel für ewige Nowak-Huhnski-Diskussionen:
Hanusz Huhnski: Ja, das ist die große Frage, ob wir ihn einladen. Einerseits könnte Hazian Schaden anrichten, andererseits...
Ponita Nowak: Ich weiß, ich weiß. Andererseits könnte er sich bessern, natürlich. Aber das ist zu unwahrscheinlich!
Hanusz Huhnski: Klar, es ist wirklich riskant. Trotzdem ist es schade, wenn er sich für immer von uns abkapselt...
Ponita Nowak: Ja, ja! Das ist alles richtig! Aber das Risiko ist höher als die Aussicht, dass er sich bessert.
Hanusz Huhnski: Ponita! Nicht so pessimistisch! Glaub an das gute!
Ponita Nowak: Daran glaubst du selber nicht immer. Also, laden wir Hazian ein? Ich bin dagegen.
Hanusz: Ich bin aber dafür!

So. Verstehst du, wie nervig das ist? Ständiges Hin und Her und kein vernünftiges Ergebnis. 
Unzufriedenes Schnurren.
Tigia, Hanusz, Ponita und Feldmausina drehen sich zu mir um. Ich habe geschnurrt. Ich räuspere mich.
Tigia lächelt.
Hanusz und Ponita schauen sich leicht betreten an. "Ja, ja, Luchsa, wir kommen ja schon zum Ende", sagt Hanusz.
Feldmausina mischt sich ein: "Was bringt die Diskussion eigentlich? Sagen wir ihm einfach gar nichts, und es kommt auf ihn an, ob er kommt."
"Vernünftige Idee", findet Ponita.
Und wieder fangen sie an zu diskutieren. Es kommt raus, dass Feldmausina recht hat und sie einfach gar nichts unternehmen. Die Diskussion war regelrecht unnötig.

Ich verabschiede mich von den Freunden. Dabei klingt mein Tonfall grimmiger, als ich eigentlich vorhatte.
Ponita kichert, Hanusz schmunzelt, Feldmausina lächelt.
Tigia seufzt. "Tschüs, Leute", sagt sie und klingt dabei sehr unglücklich, "ich muss zu Englisch und Ballett. Wir sehen uns morgen!"
Hanusz, Feldmausina und Ponita winken ihr zu. Ich winke auch. Tigias Blick fällt auf mich. Sie lässt Kopf und Schultern hängen und schlurft davon.
Ponita und Feldmausina gehen zusammen in die entgegengesetzte Richtung und verstecken sich vor Wolfiana, die gerade laut schimpfend aus dem Schulgebäude stampft, wo sie ihren Lippgloss verloren hat. Sie beruhigt sich, als sie etwas entdeckt. Ich folge ihrem Blick. Was sie entdeckt hat ist nicht ihr Lippgloss, sondern Hazian. Jetzt kann's ja heiter werden. Toll.
Hazian stürmt mit einem Geldschein in der Pfote auf sie zu und ruft etwas. Wolfiana läuft ihm entgegen, nimmt ihren Rucksack vom Rücken und kramt darin. Sie holt eine Dose mit Fertigsoße raus und streckt sie Hazian entgegen. Hazian drückt ihr den Geldschein in die kräftige Pfote. Sie lächelt gekünstelt.
Hanusz, der die beiden so wie ich beobachtet hat, zuckt bei diesem spitzen, künstlichen Lächeln zusammen. Auf seinem Gesicht entsteht ein Ausdruck von Abscheu, Verwunderung, Hass und Neugier. Aber er wendet sich ab und schüttelt den Kopf.
Bevor ich mich ebenfalls abwende, betrachte ich noch mal diese verhasste Wolfiana. Sie hat ein hübsches spitzes Lächeln auf nassen Lippen, hübsche kalte Augen mit langen Wimpern, eine hüschbe schmale Nase und eine coole Krawatte. Aber alles hübsche nur fake. Die Lippen kommen vom Lippgloss, die Augen von Kunstwimpern, die Nase ist auch nur schmal, weil sie ein Wolf ist und die Krawatte kann sich jeder kaufen, der 'n bisschen Geld hat. Ungeschminkt würde Wolfiana fad und uncharakteristisch wirken. Ich kann einigermaßen verstehen, dass Hazian, Bisoumes und Pumos auf diese Fake-Schönheit reinfallen. Hässlich ist Wolfiana nicht. Aber im Gegensatz zu Tigias orange-schwarz glänzendem Fell wirken ihre Kunstwimpern und ihr Lippgloss wie eine lächerliche Maske. Meine Gedanken schweifen noch mal an den gestrigen späten Nachmittag, als Tigia mit ihrem Fell im hellen Licht aus den Fenstern der Häuser und in der hereinbrechenden Dunkelheit vor meinem inneren Auge spektakulär und unnachahmlich aufgeleuchtet hatte.
Ich wende mich ebenfalls von Hazian und Wolfiana ab. Ich will nicht so wirken, als wäre ich darauf aus, mich mit Hazian zu versöhnen. Und Wolfiana kommt mir schrecklich vor mit ihrer kleinlichen übertriebenen Schminke. Grauweißes Fell, teure Kleidung, zu dick aufgetragenes Make-Up... Was ist daran toll und besonders?
"Bis morgen, Hanusz", murmele ich und will zu meinem Fahrrad gehen. Hanusz läuft schnell auf mich zu. "Halt, Luchsa!", sagt er, "ich muss mit dir reden." Er greift nach mir, aber ich schüttele ihn ab. Er will mir bestimmt begreiflich machen, dass er nicht mehr in Wolfiana verliebt ist und das eine regelrechte Schnapsidee von ihm gewesen ist. Ja, ja. Nicht spannend. Ich hab jetzt keine Lust auf viel Herumgestotter und irgendwelche Erklärungen in bezug auf Wolfiana. Über Wolfiana lässt sich nicht reden, sie ist es nicht wert. Finde ich jedenfalls gerade im Moment.
Ich stoße mich energisch von ihm ab. "Sag's mir morgen, Hanusz. Ich fahr jetzt nach Hause." Ich laufe zu meinem Fahrrad. Aber Hanusz folgt mir.
"Luchsa! Lass uns zusammen fahren!"
"Okay..."

Wir beide schnappen uns unsere Fahrräder und es geht nach Hause. 
Es ist ziemlich warm, die Luft ist relativ feucht, der Himmel blau und die wenigen Schäfchenwolken weiß. An der Straße entlang stehen in ordentlichen Abständen große Bäume mit grünen Blättern. Auf den Straßeninseln wächst Gras, auf manchen auch irgendwelche großen gelben Blumen. Wir fahren mit der Windrichtung, deshalb geht es schnell voran. Hanusz hat spürbar seine Freude am guten Wetter, dem warmen Wind im Rücken und der Leichtigkeit und Schnelligkeit unserer Fahrräder. Und er hat auch Recht damit. Das alles ist echt erfrischend. Fast kann dieses sommerliche und frische Wetter Wolfianas schlimme, unerträgliche Charakter und -Reizlosigkeit und Hanusz's (wahrscheinlich schon vergangenen) Crush wiedergutmachen.
Hanusz ahnt nichts von meinen Gedanken. Er ist grad in der besten, fröhlichsten, freundschaftlichsten und ahnungslosesten Stimmung. Und ich könnte es auch sein, wenn mich nicht der Gedanke an Wolfiana plagen würde, die ich hasse (also komm nicht auf den Gedanken, ich könnte wie Hanusz mal in in sie verliebt sein) und die es eigentlich gar nicht wert ist, dass ich Gedanken an sie verschwende. Aber ich kann Hass, Abscheu, Ablehnung, Aggression, Widerstand und Ekel nicht ganz aus meinem Kopf verbannen.
Hanusz versteht nicht, was sich in meinem Kopf abspielt.
Er schaut mich mit dem Blick an, mit dem er mich anschaute, als er mich zum ersten mal sah und sich mit mir anfreundete. Neugierig, interessiert, verständnisvoll, freundlich, freundschaftlich, vielleicht ein bisschen spöttisch und ein ganz kleines bisschen herablassend. Einerseits ist es eine gute Erinnerung, weil wir uns damals anfreundeten, aber andererseits ist es auch eine schlechte Erinnerung, weil Hazian damals dabei war und so wirkte, als wäre er wirklich unser Freund. Und weil ich damals so fest an ihn geglaubt hab, bin ich jetzt umso enttäuschter und weiß nicht, ob ich es ihm heimzahlen und mich rächen oder es noch mal mit ihm versuchen und die gute alte Zeit wiederherstellen soll.
Ich bin mir sicher, dass mein Gesichtsausdruck gerade kläglich und gequält ist, und das gefällt mir nicht so gut. Ich drehe meinen Kopf weg. Meine Gedanken an Hazian sind noch schlimmer als die an Wolfiana. Hazian Ohrt, der alles kaputtmachte. Es war so gut, als wir alle 3 noch Freunde waren. Er konnte uns so gut verstehen, hat uns geholfen und sich von uns helfen lassen, ist zusammen mit Hanusz und mir nach hause geradelt, klaute uns heimlich und auf eigene Gefahr Bücher aus der Schulbibliothek... Und war unser gemeinsamer bester Freund, der unser Vertrauen verdiente. Zusammen mit mir hat er Ponita Hanusz weggeschnappt und ihr so ihren Freund weggenommen, und unsere Freundschaft war uns wichtiger als Ponita. Wir drei hatten zusammen eine richtig gute Zeit. Ich verstehe nicht, wie ihm das plötzlich nicht mehr gut genug sein konnte. Als er noch unser Freund war, war er wie wir und wir glaubten, er könne auch nicht anders sein, aber wir haben uns täuschen lassen. Wie ist er auf einmal so geworden?
Verstehst du, wie schade es ist, dass wir unseren guten, netten, gerechten, freundlichen, schlauen Hazian verloren haben und stattdessen ein uns völlig fremder, machtgieriger, coolheitssüchtiger, rücksichtsloser Hazian seinen Platz eingenommen hat? Ich hab mir schon oft gewünscht, dass er einfach immer der gute Hazian geblieben wäre. Aber andererseits habe ich auch den Wunsch, es ihm heimzuzahlen. Er ist nicht mehr unser Freund, und das ist seine eigene Schuld. Er hatte viel Spaß mit uns, aber den hat er uns genommen, und dafür soll er auch keinen Spaß mehr haben.
Um die alten Zeiten wiederherzustellen, müsste er sich bei uns entschuldigen oder wir ihm vergeben, aber dazu sind weder er noch wir bereit.
Ich bin unentschlossen. Ich weiß nicht, was aus uns und ihm werden soll. Aber es geht weiter und dieser Zustand kann nicht beendet werden..

"Ähm... Luchsa?"
Ich zucke zusammen. Hansuz hat mich angesprochen. Ich war total in Gedanken versunken.
"Ja?" Ich klinge genervter und schläfriger, als ich bin. Dann fällt mir ein, dass er mich vielleicht darauf ansprechen will, dass er nicht mehr in Wolfiana verliebt ist, und zucke beim Gedanken unwillkürlich ein zweites Mal zusammen. Ich füge schnell hinzu: "Hanusz, wenn's um Hazian oder Wolfiana geht, sag's mir lieber nicht. Ich bin grad allergisch darauf."
Hanusz schaut mich leicht verwirrt an. Er schüttelt den Kopf. "Nein. Nein, nein! Luchsa, wie kommst du auf die Idee? Es geht doch nicht um Hazian und Wolfiana."
Ich versuche, möglichst genervt auszusehen. Ich will zu Hause über all das nachdenken und mich entspannen. Ehrlich gesagt bin ich von diesem unerfolgreichen Tag schon ziemlich müde und hab nur noch vor, zu chillen. Meinem manchmal unüberlegtem Maul entfährt ein hastiges "Raus damit, Hanusz."
Hanusz schmunzelt, warum auch immer. Er stellt meine Geduld ziemlich doll auf die Probe, muss ich sagen.
"Was?", frage ich irritiert. Was soll dieses Schmunzeln? Kann er nicht einfach mit seiner Frage rausrücken? Immer dieses Warten, immer dieses Diskutieren... Nie fällt ein klares Wort ohne langes Herumgerede. Ich lasse den Lenker los und falte die Pfoten über dem Kopf.
Hanusz sucht nach Wörtern. Offenbar hat er kurz vergessen, was er sagen wollte. Es reicht mir. Ich trete so schnell ich kann in die Pedale, biege um die Ecke und rufe ihm zu: "Bis morgen, Hanusz! Mach's gut!" Und schon kann ich ihn nicht mehr sehen. Puh. Manchmal finde ich ihn einfach etwas nervig. Kannst du bestimmt verstehen.
Ich höre noch seine Stimme. "Tschüs, Luchsa! Warum haust du ab?" Und ich höre sein Lachen. Warum lacht er? Warum schmunzelt er? Was ist komisch an meinem Verhalten?

Zum Glück bin ich zu Hause. Ich erzähle meiner Mutter von meinem Schultag, von Hazians Dreistigkeit, von der unnötigen Diskussion nach der Schule, von Wolfianas Hässlichkeit und von Hanuszs unverständlichem und nervigem Verhalten.
"Aber Luchsa, warum hattest du's denn eilig?", fragt meine Mutter.
"Weil er mich genervt hat. Ständig redet er um den heißen Brei herum."
"Ja, solche Leute kenne ich auch." Meine Mutter Luchsina Pinslego streicht mir über den Kopf und zupft an den Pinseln meiner Ohren. Ein kleines Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Dieser Gesichtsausdruck erinnert mich an Hanuszs unverständliches Schmunzeln und Lachen. "Mama?", frage ich, "weißt du, warum Hanusz so komisch geschmunzelt hat?"
Sie wiegt den Kopf nachdenklich hin und her. "Vielleicht, weil du sein Freund bist und er dein genervtes Verhalten mag." Oh nein, jetzt schmunzelt sie auch. Sie fügt hinzu: "Oder er versteht dich falsch und denkt, dass du so gereizt und genervt bist, weil..." - Ich unterbreche sie. "Ja, ja, weil er mich eben wirklich nervt!" - "Nein, weil er denkt, dass du verliebt bist." Ich springe empört vom Stuhl. Absurder Gedanke! Das wäre ja total lächerlich von mir. Meine Mutter lächelt. Ich drehe den Kopf weg, nehme mein Handy und gehe in mein Zimmer. Sie folgt mir (immer noch lächelnd!) und schließt die Tür hinter mir. Ich höre, wie sie murmelt: "Luchsa, Luchsa. 
Nie wiem. On i ta tygrysica... Hanusz to sprytny kogut." Und ich höre, wie sie seufzend davonschlurft. Egal. Soll sie doch Vermutungen haben.

Ich setze mich auf meinen Sitzsack und suche auf meinem Handy nach Tigias Ballettverein, nach ihrem Leichtathletikverein, ihrem Klavierkurs und noch anderen Sachen, die sie besucht. Ich finde ein paar Fotos von ihrer Tanzklasse, wo sie selber auch drauf ist.

Es klopft an meiner Zimmertür.  Mama holt mich zum Abendessen. Es gibt belegtes Brot. Ich stecke mein Handy in die Hosentasche und fange an zu essen.
Mama geht zum Fenster. "
Gdzie mieszka dziewczyna-tygrysica?", fragt sie mich. Wo wohnt das Tigermädchen?
"Nicht hier. Ziemlich weit weg."
"Aha. Warum war sie gestern hier?"
"Sie hatte keinen Bock, nach Hause zu gehen. Ich weiß, klingt unglaubwürdig. Aber es stimmt wirklich. Sie hatte ihre Kurse satt."
"Hm. Wie heißt sie?"
"Tigia."
"Und der Nachname?"
"Äh... Shi."
"Ich werde mal ihre Eltern kontaktieren."
"Wenn du willst... Die sind nicht sehr freundlich."
"Aha?"

 

Freitag
Feldmausinas Flug aus dem Fenster 

Während dem Unterricht habe ich versucht herauszufinden, ob Hazian zur Verabredung kommt oder nicht. Er hat sich sehr unauffällig verhalten und ließ sich nichts anmerken. Also wartete ich den Schulschluss ab und war froh, als er kam.
Jetzt steigen Hanusz, Tigia, Ponita, Feldmausina und ich gerade auf unsere Fahrräder, um zu Hanuszs Wohnung zu fahren. Und ich meine im Augenwinkel sehen zu können, dass Hazian auch sein Fahrrad besteigt. Aber er folgt uns nicht und fährt in eine ganz andere Richtung. Es kann sein, dass er nicht zur Verabredung kommt.

Auf dem Weg zum Huhnski'schen Haus treffen wir auf Bisoumes Horn. Wahrscheinlich spioniert er uns wegen seinem Tigia-Wettstreit hinterher. Aber das kann uns ja egal sein. Wir fahren an ihm vorbei. Hanusz und ich zeigen ihm das Victory-Zeichen und rasen schnell vor seiner Nase um eine Ecke. Feldmausina versucht ihn nicht anzugucken und konzentriert sich auf unsere Hinterreifen. Sie gibt Vollgas und folgt uns um die Ecke. Ponita hält mit ihr mit.
Jetzt sind wir an ihm vorbei. Ich höre Tigia fauchen und Bisoumes schnauben. Und noch das Geräusch eines aufstampfenden Bisonhufes.
Der wütende Ausruf "Victory! Victory, Victory! Von wegen..." lässt darauf schließen, dass auch Tigia dem überforderten Bison das Victory-Zeichen gezeigt hat.
Bisoumes schreit weiter. "Das ist überhaupt nicht nice von euch, sowas von ehrenlos!!! Kein geiles Verhalten! Uncool!"
Stimmt. Er benutzt ja immer diese umgangssprachlichen Slangwörter. Unnötig. Die "coolen" Trendwörter machen Bisoumes kein bisschen cooler - wenn überhaupt uncooler.
Wir lassen den emotional ausgelaugten und überforderten Bisoumes als braunes Fellbündel hinter uns und radeln weiter. Hinter mir höre ich die unregelmäßigen Geräusche von sich entfernenden Hufen. Bisoumes zieht ab.
Tigia fährt neben mich. Sie schüttelt über Bisoumes den Kopf, schaut sich nach dem verschwindenden braunen Punkt mit 2 kleinen Hörnern auf dem Kopf um und zeigt diesem verschwindenden Punkt den Vogel. Mit seiner Sturheit, seinem Drang nach "Coolness" und seiner Aggressivität hat sich Bisoumes jetzt diesen Streit mit Tigia eingebrockt - eine nicht schöne Sache, die ich nicht riskieren würde!

Jetzt hab ich in meinen Gedanken ziemlich viel über dieses Bison abgelästert. Es wird Zeit, dass ich aufhöre, dauernd an Personen zu denken, die es nicht wert sind: Bisoumes, Hazian, Wolfiana. 
Bisoumes ist doch nur irgendein Bison. Ein Tier. Eine Person. Weiter nichts.
Ich sollte mich lieber mehr auf meine Umgebung und Leute, die es wert sind, konzentrieren. So nehme ich bestimmt viel mehr wahr.
Übrigens: Jetzt, wo ich über meine Umgebung nachdenke, fällt mir erst auf, dass wir fast am Ziel sind... Das Huhnski'sche Haus steht wenige Meter vor uns.
Ich trete so schnell und kräftig in die Pedale wie ich kann und lege eine Vollbremsung hin. Ich warte auf die anderen. Hanusz folgt meinem Beispiel und parkt neben mir. Wegen der Vollbremsung entsteht ein pfeifend-quietschendes Geräusch und Hanusz fliegt fast vom Fahrradsattel, während das ganze Gewicht des Fahrrads sich auf den Vorderreifen verläd und der Hinterreifen in der Luft ist. Ponita, Feldmausina und Tigia springen von ihren Fahrrädern, schieben sie das letzte Stück und stellen sie in die Fahrradständer.
Wir gehen alle vier zur Tür und klopfen.
Schritte. Sie hören sich nach Hanuszs Mutter Hennena Huhnski an. Ich war schon so oft bei Hanusz zu Besuch, dass ich die Schritte der Familienangehörigen unterscheiden kann. Dazu bin ich eben ein Luchs mit (scharfen Augen und) guten Ohren.
Hennena macht auf. "Hallo, Kinder...", sagt sie. Obwohl sie fröhlich klingt, macht sie auf mich einen leicht bedrückten Eindruck. Hanusz stürmt rein und lädt seinen Rucksack auf dem Fußboden ab. Er rennt sofort die Treppe hoch, weil er damit rechnet, dass seine kleine Schwester Henna Schaden angerichtet haben könnte. Ich kenne Hanusz inzwischen so gut, dass seine Verhaltensweisen für mich Sinn ergeben. Hennas tapsige kleine Schritte sind zu hören. Sie plappert mit ihrer piepsigen Stimme drauflos. Ich sehe, wie Hanusz mit müdem Blick ein leicht genervtes Kopfschütteln andeutet, ihr ohne ihr zuzuhören die kleine Schulter tätschelt und sich dann an ihr vorbeidrängelt. Henna folgt ihm auf dem Fuß und setzt ihr begeistertes Geplapper fort.
Tigia schaut sich im Raum um und legt dann ihren Rucksack neben den von Hanusz. Ponita und Feldmausina laden ihre Rucksäcke daneben ab und versuchen Henna abzulenken, damit der arme Hanusz endlich mal Ruhe von dem ewigen und unaufhörlichen Gequassel hat.
Alle sind beschäftigt. Ich quetsche meinen Rucksack zwischen den von Tigia und den von Hanusz.
Jemand räuspert sich. Ich drehe mich um und suche mit meinen Augen den Raum nach einer Person ab, die den Ton produziert haben könnte. Hinter mir steht Hennena, Hanuszs Mutter. Sie sieht ziemlich nervös aus.
"Was ist los?", frage ich.
"Es ist schon jemand da."
... ... ... ... ...
Es ist schon jemand da! 
! ! !
Das muss Hazian sein! Ich muss Hanusz, Tigia, Ponita und Feldmausina warnen. Er ist gekommen und ist schon vor uns hier eingedrungen! Ich frage mich, ob Hennena weiß, was er gemacht hat.
Ich renne die Treppe hoch. Hanusz, Tigia, Ponita und Feldmausina stehen auf der obersten Stufe und mühen sich mit Henna ab, die versucht, Hanusz zu überreden, sie in sein Zimmer zu lassen.
Ich keuche.
"Leute! Schnell!"
Die Freunde drehen sich zu mir um. Henna tänzelt um Hanusz herum.
"Hanusz, es ist schon wer da! Das muss..."
"...HAZIAN sein!!!", beenden Hanusz und Ponita meinen Satz.
Henna hüpft vor Freude, dass etwas los ist. "Juhu! Hazian!", jubelt sie, obwohl sie gar nicht weiß, was oder wer Hazian ist.
Hanusz saugt entnervt die Luft in sich ein. "Henna!" - Die Betonung liegt auf dem A von Henna, es klingt also wie 'Henná!' - "Hazian ist kein Grund zur Freude. Geh in mein Zimmer, wenn du willst, aber freu dich nicht über Hazian." Er kramt einen Schlüssel aus der Hosentasche und schließt das Zimmer auf. Henna hoppelt freudig hinein. Hanusz schließt sie ein. Wir stürmen schon nach unten und wollen schnell ins Wohnzimmer laufen, als wir einen Freudenschrei von Henna hören: "Hanusz, komm schnell! Hazian! Komm! Schnell!"

Hanusz und ich schauen uns entsetzt an.
Ponita und Feldmausina schauen sich genauso entsetzt an.
Tigias Blick irrt wild im Raum herum.
"Hazian!", sagt sie heiser.
"Hazian!!", ruft Feldmausina bestürzt.
"Hazian!!!", schreien Hanusz, Ponita und ich wie aus einem Mund.
Hazian Ohrt befindet sich im Zimmer von Hanusz Huhnski!
Aufs Schlimmste gefasst rennen Hanusz, Tigia, Ponita, Feldmausina und ich die Treppe wieder hoch. Dabei nehmen wir immer 2 Stufen auf einmal. Hanusz klimpert lärmend mit dem Schlüssel am Schlüsselloch herum, verfehlt es vor lauter Eile und Nervosität aber mehrmals und braucht viel zu lange. Das steigt ihm sichtlich zu Kopf. Frustriert schlägt er mit dem Schlüssel nach dem Schlüsselloch, dreht mit einer kräftigen Handbewegung (naja, eine Hand hat er nicht, eher könnte man das die Flügelspitze nennen) und reißt die Tür krachend auf. Wir dringen in sein Zimmer ein und überrennen ihn fast.
Das erste, was ich sehe, ist Hennas vor Belustigung und Entzücken verzerrtes kleines Gesichtchen mit dem schmalen Schnabel. Sie kichert laut und fiepend über unsere Situation, auch wenn sie sie ganz klar nicht versteht.
Das zweite, was ich sehe, ist Hanuszs Sofa, das gute alte gemütliche Sofa, das hier schon sehr lange seinen Platzt hat...

Und dann sehe ich Hazian.
Er ist wirklich hier.
Ich kann kaum denken. Alles, was ich denke, ist: Wut!Wut!Wut! Hazian!Hazian!Hazian! Wut!Hazian!Wut!Hazian!Wut!

Aber er schaut mich nicht an. Er schaut auch Ponita nicht an. Er wirft kurz einen Blick zu Feldmausina herüber, und sein Blick sagt nichts als "Ich verachte dich, Maus!" und "Du gehörst hier nicht hin, Maus!" und "Wag es nicht, näherzukommen, Maus!".
Dann wandert sein Blick für einen kurzen Augenblick zu Hanusz. Sein Blick scheint diesmal zu sagen: "Du hast den falschen Weg genommen, Hanusz!", "Bereue deinen Fehler, Huhnski!" und "Ich tu dir nichts, Hahn, aber komm nicht näher!".
Als letztes fällt sein Blick auf Tigia. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie zu mir schaut.
Hazians Blick sagt: "Dein Fell ist eine Pracht, Tigia!", "Pracht bedeutet mir nichts!" und "Fahr bloß nicht deine Krallen aus!"

Aber zu mir schaut er nicht. Auch nicht zu Ponita. Und jetzt richtet er seinen Blick auf sein Smartphone. Seine ganze Konzentration scheint von diesem Gerät angezogen zu werden. Er überschlägt die Beine, räuspert sich und tippt etwas. 

HAZIAN!!!
Er hat sich verändert. Die Veränderung ist schrecklich.
Hazian ist abhängig von seinem Smartphone.
Hazian wird sich nicht entschuldigen.
Hazian wird nie mehr der sein, der er war.
Hazian wird mit Wolfiana zusammenarbeiten.
Hazian ist fest überzeugt von seiner Ideologie.
Hazian stürzt sich ins Verderben.
Hazian verachtet uns.
Hazian hasst uns.
Hazian bleibt kalt.
Hazian kauft Soße.
Hazian guckt Handy.
Hazian ist auf dem absoluten Holzweg.
Hazian Ohrt.

Der arme Hazimiersz! Er wollte das nicht.
Ich koche vor Wut.
Meine Wut wird von einer schlimmen Leere verschluckt.
Ich spüre nichts.
Er beäugt uns mit einem spöttischen Blick und wendet sich dann wieder seinem Smartphone zu.
Stille.
Stimmengewirr.
Hanusz, Ponita, Feldmausina und ich rufen gleichzeitig drauflos.
Hanusz: "Hazian! Hast du was geklaut?!"
Ponita: "Wie bist du hierhergekommen? Hast du eine Abkürzung genommen?"
Feldmausina: "Hallo... Hat dich die Mutter von Hanusz reinkommen gesehen?"
Ich: "Raus mit der Sprache! Was hast du angestellt?"
Wieder Stille.
Das spöttische Lachen von Hazian.
Wir wiederholen nacheinander unsere Fragen.
Hazian steckt langsam sein Handy weg und lässt sich dabei nervauftreibend viel Zeit. "Jetzt mal langsam! Keine Sorge, Hanusz, geklaut hab ich nichts. Ponita, ich bin mit dem Fahrrad gekommen. Ja, ich hab eine Abkürzung genommen, aber ich sag nicht welche. Hallo, Feldmausina, die Mutter von Hanusz hat mich reinkommen gesehen. ... Luchsa, ich hab nichts angestellt. ..." Er will wahrscheinlich Tigias vermeintliche Frage beantworten, aber Tigia hat gar keine gestellt. Wir beide schauen sie an. Sie zieht kühl ihre Jacke aus und stopft sie weg.
Hazian zuckt die Achseln und kramt sein Handy hervor. Aber er kann sich nicht kontrollieren. Ohne es zu wollen schaut er Tigia noch einmal an.
Ihre Augen blitzen.
Seine Augen funkeln.
Meine Augen glühen.
In Tigias Augen sehe ich Hass und Feindseligkeit.
In Hazians Augen sehe ich Verachtung und Spott.
In meinen Augen sieht man Wut.
Hazian wendet sich unglaublicherweise wieder seinem Handy (!!!) zu...

Hanuszs Mutter ruft uns von unten. Wir hören sie im Wohnzimmer umherlaufen.
"Kommt. Wir gehen nach unten", sagt Hanusz entschieden. Wir folgen ihm die Treppe runter ins Wohnzimmer. Henna hinterher. Ihre Mutter läuft auf sie zu und bringt sie zu ihrem Zimmer.
Unten angekommen setzt sich Hazian sofort aufs nächstbeste Sofa und widmet seine ganze Aufmerksamkeit mit solchem Eifer seinem Handy, dass er sich nur ganz plötzlich für ein Videospiel begeistert haben kann.
Ich stelle mich neben Hanusz. Er liest einen herumliegenden Zeitungsartikel über die aktuelle weltpolitische Lage. Weil ich ihn sehr interessant finde und du ihn bestimmt sehr uninteressant findest, beschreibe ich ihn nicht weiter. Jedenfalls schaue ich Hanusz über die Schulter und lese mit.

Hanusz legt die Zeitung weg. Ich setze mich neben Hazian auf das Sofa und schaue, wie er reagiert oder was passiert.
Nichts passiert.
Hazian regt sich.
Nichts passiert.
Hazian dreht sich weg und konzentriert sich noch mehr als vorher auf sein Handy. Aha. Er beachtet mich nicht und fühlt sich von mir gestört und beobachtet.
Ich will aufstehen, aber ich höre einen Klingelton und bleibe doch lieber sitzen, weil ich von hier aus gut das Fenster sehen kann. Der Klingelton kommt von einer Fahrradklingel. Meine Ohren können das Klingeln von Fahrradklingeln von dem Klingeln von Hausklingeln unterscheiden.
Hazian zuckt kurz zusammen. Für ein paar Sekunden lächelt er listig, dann wird er nervös, dann setzt er eine unauffällige Miene auf und steckt sein Handy weg. Jemand auf einem Fahrrad huscht am Fenster vorbei. Ist das der Vater von Hanusz, der von der Arbeit kommt?
Ich mache Hanusz auf mich aufmerksam, indem ich ihn anticke. "Hanusz", frage ich, "fährt Hanego Fahrrad?" Hanego ist der Vater von Hanusz. Wir beide nennen ihn unter uns so. Manchmal finden wir's anstrengend, immer "Mein Vater" oder "Dein Vater" zu sagen.
Hanusz schüttelt den Kopf. Ich erzähle ihm von der Gestalt auf dem Fahrrad. Wir stürmen zum Fenster. Ponita und Feldmausina kommen dazu.
"Komisch", murmelt Ponita. Ich raune ihr, Hanusz und Feldmausina zu, wie sich Hazian verhalten hat, als er die Fahrradklingel hörte. Hazian scheint mit seinen Gedanken beschäftigt zu sein und hört mir nicht zu. Ponita setzt sich leise neben ihn und beobachtet ihn.
Hazian zückt sein Handy und schaut etwas nach, als würde er sich vergewissern. Er lächelt spöttisch und listig.

Hanusz zerbricht sich ganz klar den Kopf über die seltsamen neuen Verhaltensweisen von Hazian. Er setzt sich auf einen Stuhl und beugt sich über den Zeitungsartikel über die aktuelle weltpolitische Lage. Natürlich liest er ihn nicht, sondern tut nur so, damit Hazian nicht merkt, dass er angestrengt über ihn nachdenkt.
Feldmausina setzt sich auf die Fensterbank und konzentriert sich auf den Garten, wo die Gestalt auf dem Fahrrad vorbeigehuscht ist.
Sie merkt nicht, wie Hazian sich neben sie setzt.
Er tickt sie an. Sie dreht ruckartig ihren Kopf.
"Hey!", blafft er sie plötzlich an. Was hat er bloß vor?! Ich verstehe ihn nicht. Will er sie provozieren?
Feldmausina dreht ihren Kopf ärgerlich wieder weg.

Plötzlich pfeift Hazian so laut er kann durch die Zähne. Dieser laute Ton tut mir in den Ohren weh.

Auf einmal passiert alles Schlag auf Schlag.
Der Fahrradfahrer kommt angebraust.
Hanusz muss niesen. Er schüttelt sich.
Das Fahrrad ist neu und rot.
Lippgloss. Kunswimpern. Grau-weißes Fell.
Ich begreife, dass der Fahrradfahrer Wolfiana ist, und drehe mich instinktiv weg. Aber ich muss hinschauen. Es passieren zu viele Dinge auf einmal.
Hazian regt sich. Er springt auf Feldmausina zu.
Wolfiana lacht leise. Sie steigt vom Fahrrad ab und stellt sich unter das Fenster.
Feldmausina ist überfordert von der Situation und weiß nicht, wohin sie schauen soll.
Hazian greift nach ihr. Ich ahne, was er vorhat. Er will sie an Wolfiana ausliefern, die unten lauert! Sie arbeiten zusammen. Eine schreckliche Tatsache.
Hazian packt Feldmausina. Gleich wirft er sie runter! Wird er es tun?
Ich will eingreifen. Ich springe vom Stuhl. Mein Stuhl fällt um. Es macht Bumm. Mein Hosenbein verheddert sich an der Lehne des umgefallenen Stuhls. Ich stolpere und falle hin.
Ich sehe, wie Feldmausinas Kehle sich vor Angst zuschnürt und sie nacht Luft ringt.
Hanusz und Ponita schauen mich verzweifelt an. Weil meine Bewegungen vor lauter Anspannung gerade sehr ungeschickt sind, schaffe ich es nicht, mein Hosenbein loszukriegen. Ich stoße einen schnaubenden Ton aus.
Hazian wird es tun! Er ist kurz davor!
Sein Griff wird fester, sein Gesichtsausdruck entschlossener.
Hanusz und Ponita erwachen aus ihrer Schockstarre.
Sie springen zeitgleich auf.
"NEIN, Hazian!", ruft Hanusz.
"Hazian, NEIN!", ruft Ponita.
Hazian lächelt spöttisch und verachtend. "Doch", sagt er. Und er schleudert Feldmausina mit einer solchen Kraft aus dem offenen Fenster, dass die Möglichkeit, Hazian könnte sich bei uns noch entschuldigen, sofort ausgeschlossen wird.

Wolfiana fängt Feldmausina auf. "Good Job", sagt sie zu Hazian und versucht damit cool zu tun, aber es klingt bloß seltsam und fake. So ist alles an ihr. Seltsam und fake. Genau. Vor allem fake. Kunswimpern, Lippgloss, "Good Job" - fake.
Und ihre Coolness ist auch fake. Sie ist aggressiv.
Sie nimmt Feldmauisna in den Schwitzkasten und quetscht sie zu sich auf das Fahrrad. Feldmausina müsste mit ihrer Kraft mitgehen und unter ihrem Arm hindurchschlüpfen, so könnte sie aus dem Schwitzkasten raus. Aber sie weiß das nicht. Jetzt ist es zu spät. Wolfiana hat sie in ihrer Gewalt. Was wird sie mit ihr machen?
Inzwischen konnte ich mich von dem umgefallenen Stuhl befreien. Ich rappele mich auf.
"Na, was hast du jetzt vor?", fragt Hazian höhnisch.
Ich krempele die Ärmel von meinem Hemd, das zur Schuluniform meiner Schule gehört, hoch, und gehe auf ihn zu. "Ich habe jetzt vor, aus dem Fenster zu springen und deine Komplizin Wolfiana an ihrer Tat zu hindern."
"Oh!", sagt Hazian hastig. "Du hast aber vergessen, dass ich vor dem Fenster stehe und dir den Weg versperre!"
Denkt er! Er kann mich nicht aufhalten. Dafür ist er eben zu wehrlos, unsportlich und verweichlicht. Ich dränge ihn brutal vom Fenster weg, schubse ihn noch und schon ist er außer Gefecht.
Ich steige auf die Fensterbank. Ich springe aus dem offenen Fenster. Der Flug fühlt sich für mich viel länger an, als er ist und aussieht.
"Luch-sa! Luch-sa!", rufen Hanusz und Ponita und klatschen im Takt. Das können sie sich eigentlich ersparen. Viel nützlicher wäre es, wenn sie einfach auch aus dem Fenster springen würden. Wir müssen Wolfiana verfolgen und aufhalten! Also echt, manchmal sind die beiden echt ein bisschen begriffsstutzig. Sie begreifen die Sachen nicht, wenn man sie ihnen nicht erklärt. Aber ich habe keine Zeit. Ich renne los.
Ich weiß, in welche Richtung Wolfiana losgefahren ist, aber ich kann sie nicht sehen. Sie hat zu viel Vorsprung.
"Kommt, Leute", rufe ich laut, "was zögert ihr so lange?!" Sie trauen sich wohl nicht, aus dem Fenster zu springen. Sieht ihnen ähnlich. Ich will meinen Freunden nichts vorwerfen, aber es gibt an ihnen einiges, was ich gern korrigieren würde. 

Ich höre das dumpfe Geräusch von Füßen, die auf dem Boden aufkommen. Jemand ist mir gefolgt. Und soweit ich meinen Ohren vertrauen kann, ist diese Person Tigia. Das erkenne ich auch an den sich nähernden Schritten, die leise und bedacht klingen.
Wir gehen durch den Huhnski'schen Garten. Ich sehe Reifenspuren im kurzgemähten Rasen. Wir verfolgen Wolfianas Fährte. Ob mit oder ohne Hanusz und Ponita, das ist jetzt egal. Zwei Raubtiere reichen.

Montag, 23. Juni 2025

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: 5. Ponita

5. Ponita

Die neue Freundschaft
mit Hazian und Luchsa

Gerade ist Mittagessen. Die Mensa ist oben, deshalb müssen wir innerhalb der Schule immer sehr viele Treppenstufen hochlaufen. Hier oben gibt es lange helle Holztische und Holzbänke, die aus dem gleichen Holz gemacht sind. Manchmal fehlen an manchen Tischen Bänke. Dieses Problem kommt neulich ziemlich oft vor.
Das Küchenpersonal ist nicht sehr nett.
Nach dem Essen müssen bestimmte Tierkinder Tischdienst machen, das heißt Tische wischen und Bänke hochstellen.
Tigia und ich sitzen am Fenster. Gegenüber von mir sitzt Feldmausina. Am Nachbartisch sitzen Hanusz und ein paar Tierkinder aus einer anderen Klasse. Wolfiana, Bisoumes und Pumos... Oha, ich glaube, die 3 sind noch gar nicht oben! Sie lassen sich immer sehr viel Zeit. Wahrscheinlich hängen sie noch unten bei den Spinden ab und Wolfiana verkauft Pumos die Soße. Das macht sie nämlich immer unten, weil da keine Lehrer sind, die ihr das verbieten können. Ganz schön schlau und vor allem überhaupt nicht gut.
Vielleicht verpetze ich Wolfiana mal irgendwann an Hasinde. Ich weiß, das klingt jetzt so, als wäre ich eine totale Petze, aber Wolfianas Soßen-Geschäft nervt wirklich. Wobei, zu petzen hätte keinen Sinn. Hasinde Hüpfer (unsere Klassenlehrerin) weiß genau, wozu Wolfiana fähig ist, und seit sie obercool tut, hat Hasinde Angst vor ihr. Sie wird es sich nicht trauen, eine Standpauke zu halten. Und Bäriko Brumm würde sowieso nicht auf den Gedanken kommen, irgendetwas gegen Wolfianas Vorhaben zu unternehmen. Er ist nicht streng... Er ist genau das Gegenteil. Er ist gut als Grundschullehrer geeignet, aber nicht für höhere Klassenstufen. 

Hanusz.
Was ist mit ihm passiert?
Heute verhält er sich irgendwie komisch. Er ist nicht mehr der, der er mal war... Der er vorgestern noch war.
Seit gestern geht er nicht mehr mit Luchsa Pinslego und Hazian Ohrt zur Schule und nach Hause. Ich habe ihn gesehen. Ich beobachte ihn immer, deshalb ist mir das aufgefallen.
Er geht jetzt allein. Und ich wette, Luchsa und Hazian wissen auch nicht bescheid. Tigia hab ich schon gefragt. Sie weiß es nicht. Feldmausina auch nicht.

Tigia ist fertig mit essen. Ich auch, schon längst. Ich kann sehr schnell essen. Wir gehen runter. Wer fertig ist, darf schon runter.
Ich stecke meine leere Brotdose in den Rucksack und gehe nach draußen auf den Pausenhof. Dort stehen schon Hazian und Luchsa. Bei ihnen hört die Schule früher auf als bei uns.
Ich schultere den Rucksack und gehe auf die beiden zu. "Ähm... Hallo", sage ich.
Luchsa tickt Hazian an und raunt: "
Hazian, spójrz! To musi być ta Ponita. Wiesz... ta klacz." Ich kann verstehen, was er sagt, denn er redet auf polnisch. Auf deutsch heißt das, was er sagt: Hazian, schau! Das muss diese Ponita sein. Du weißt... Die Stute.
Hazian nickt. "Ich weiß", sagt er und steckt die Pfote in seine Hosentasche. "
Wiem. Oczywiście, że tak, Luchsa! Widać. Ale niech przyjdzie, czemu nie!" Der Hase lächelt verschmitzt und tauscht einen Blick mit Luchsa, dem Luchs. Leise und mit geheimnisvoller Stimme fügt er hinzu: "Może coś wie... Coś o Hanuszu! Och, Luchsa. Niech."
Ich muss lachen. Sie denken, dass ich etwas über Hanusz weiß! Und sie wissen nicht, dass ich sie verstehen kann. "
Rozumiem was, wy mali skryti ludzie! I nic nie wiem o Hanuszu, tylko wy dwoje wiecie. Czy wiecie, co się z nim dzieje?" Überraschung! Natürlich haben sie nicht damit gerechnet, dass ich auch Polnisch kann!
Luchsa zuckt zusammen. Er rammt Hazian leicht den Ellbogen rein und schaut ihn an. Hazian lacht. "Okay, reden wir deutsch", sagt er, mehr zu mir als zu Luchsa. "Wir wissen nicht, was Hanusz hat. Wir wollten eigentlich dich fragen..."
"...Aber ich weiß es ja auch nicht", beende ich den Satz.
Luchsa zuckt mit den Schultern. Die Situation ist ihm offenbar peinlich. "Da! Da ist wer, Ponita! Eine Person will mit dir reden", sagt er erleichtert und zeigt in eine Richtung. Ich drehe mich um.
Tigia!
Ich stelle mich neben sie und erkläre den Freunden, dass das meine Freundin ist und sie einfach nur was mit mir machen will.
Tigia schaut Hazian und Luchsa verwirrt an. "Äh... Störe ich euch? Also - Ihr besprecht ja grad was..."
Hazian und Luchsa schütteln die Köpfe. Luchsa ist sogar froh. "Neeeiiin, neeiin, neeeiiin, du störst gar nicht! Du kannst jetzt sehr gern noch was mit Ponita machen!", behauptet er. Hazian findet das offenbar lächerlich und schüttelt den Kopf über seinen Freund.
Ich weiß nicht, was ich machen soll. Den beiden Jungs ist die Situation peinlich, weil sie nicht wussten, dass ich Polnisch kann, und sie wollen mich so schnell wie möglich loswerden. Tigia versteht das Ganze nicht und weiß überhaupt nicht, wovon wir reden, wer das ist und ob sie in eine wichtige Besprechung reingeplatzt ist. Ich glaube, es wäre gut, wenn ich sie aufkläre und die Jungs dann allein lasse.
Hazian schaut Tigia und mich erwartungsvoll an. Luchsa krämpelt nervös seine Ärmel hoch. Tigia tritt von einem Fuß auf den anderen und erwartet, dass etwas passiert.
Ich räuspere mich. "Also, Tigia. Ähm..." Irgendwie hab ich das Gefühl, dass alle wollen, dass ich etwas tue. Solche Momente mag ich nicht. Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt.
Luchsa hält es nicht mehr aus. Er drängt mich zur Seite und geht auf Tigia zu. "Das reicht jetzt. So, ich bin Luchsa Pinslego und er heißt Hazian Ohrt. Er ist mein Freund. Wir fragen uns, was mit Hanusz los ist, und jetzt geht ihr beiden Mädels bitte weg! Haben alle alles kapiert?!" Er schaut in die Runde. Hazian, Tigia und ich nicken. "Gut!", sagt er. "Und jetzt tschüs!" Der kräftige Luchs stampft mit dem Fuß auf und zerrt Hazian mit. Sie verlassen den Schulhof.
Tigia kichert. Sie findet sein grobes Verhalten lustig. "Seid ihr Freunde? Luchsa, Hazian und du?", fragt sie mich. Und ich weiß keine Antwort, denn ich weiß es selbst nicht. Also bleibt mir nichts anderes übrig, die beiden aufzuhalten und zu fragen. "Halt! Hazian und Luchsa! Stopp!", rufe ich.
Luchsa stöhnt und seufzt. Trotzdem laufen die beiden zurück.
Tigia tritt vor mich. "Eine Frage: Seid ihr mit Ponita befreundet?"
Luchsa schüttelt entschieden den Kopf. "NEIN. Ich finde nicht, dass wir mit Ponita befreundet sind." Es wirkt ziemlich trottelig, wie er ungeduldig mit bei jedem Schritt stark zur jeweiligen Seite wippenden Schultern um uns herum auf und -abmarschiert.
"Warte." Hazian legt ihm die Pfote auf die Schulter. "Warum nicht, Luchsa? Dir ist doch bloß die Situation peinlich, aber das heißt nicht, dass wir nicht mit Ponita und Tigia befreundet sind! Wir... wir könnten doch gemeinsam ermitteln, oder? 3 beziehungsweise 4 sind mehr als 2, und 4 finden bestimmt was über Hanusz raus!"
Luchsa gibt sich geschlagen. "Jaa, okay, na gut, ist schon gut. Also, Tigia: Ja, wir sind mit Ponita befreundet. Ja. Unsere Antwort lautet Ja", sagt er.
Ich nicke. Tigia zieht ihre Jacke an.
"Warte." Hazian legt Luchsa erneut die Pfote auf die Schulter. "Ich finde, wir sind auch mit Tigia befreundet."
Luchsa springt auf und hält sich die Ohren zu. "Haaziiaan!! Lass das! Was soll das?! Warum jetzt plötzlich auch noch mit Tigia? Das ist... Es reicht doch schon, mit einem einzigen Mädchen befreundet zu sein! Haziaaan, das verstehe ich jetzt nicht..." Luchsa findet seinen Freund peinlich. Er macht Anstalten, wieder wegzulaufen, aber Hazian hält ihn an der Krawatte fest. "Luchsa! Du bist einfach dämlich!", schimpft er seinen Freund. "Tigia ist sicher sehr nützlich für uns bei der Suche!"
Tigia schaut von mir zu Hazian und von Hazian zu mir. Ich zucke mit den Schultern. Ich weiß auch nicht, warum Hazian so dringend auch mit Tigia befreundet sein will. Wahrscheinlich denkt er, dass Tiger supergut hören und riechen können.
Luchsa schüttelt sich und befreit sich aus Hazians Griff. "Ja, klar! Natürlich! Ich denke auch, dass Tigia uns gut helfen kann, aber sie ist total fremd und wir müssen ja nicht gleich mit ihr befreundet sein, nur weil wir sie vielleicht brauchen! 
Nie wiem, co jest z tobą nie tak, Hazian! Hanusz jest taki dziwny, a teraz ty też... Och, jesteś szalonym króliczkiem."

Hasinde pfeift und alle aus meiner Klasse versammeln sich zum Abschlusskreis. Bäriko verabschiedet die Schüler. 

 

Skandal Wolfiana 

Zum Glück habe ich einen Chat mit Hanusz. Ich sitze zu Hause auf dem Sofa in meinem Zimmer und beuge mich über mein Handy, während ich eine Nachricht an Hanusz tippe:

Hallo Hanusz!
Ich habe heute Zeit, wir
können uns heute treffen!

Auf diese Weise finde ich bestimmt etwas heraus. Er ist verfügbar, deshalb müsste er mir eigentlich antworten können.
Hanusz schreibt mir:

Warum willst du
mich treffen? Ich habe
grad keine Lust.

Ich will dich was fragen!
Außerdem hast du  doch heute
eigentlich immer Zeit!

Muss ich, Ponita?

Am besten schon! 😒

Echt?? Ich glaube, ich
will nicht auf deine Frage 
antworten. Und ich habe, wie
gesagt, keine Lust...

Denkst du, ich hab Lust,
keine Antwort auf die Frage 
zu kriegen? Ich muss dir die Frage
unbedingt stellen.

Na gut.......😞😫
Dann jetzt und ohne
Geheimniskrämerei und 
heißen Brei!!!

Nein! Ich muss dich persönlich
treffen!

Oh Mann, OK!
Wann?

Heute, jetzt. Bei mir.

Ich bin in 15 Minuten
da. Nehme das Fahrrad.

Gut.
Jetzt schreibt er nichts mehr. Wahrscheinlich ist er schon unterwegs. Ich sage meinen Eltern bescheid. Zum Glück sind sie o.k. mit meiner Entscheidung, Hanusz spontan zu treffen.
In 14 Minuten ist er da.
13.
12.
11.
10.
9.
8.
7.
6.
5.
4.
3.
2 Minuten.
Noch 1 Minute.
Noch 60 Sekunden. Noch 50 Sekunden. 40 Sekunden. 30. 20. 19. 18. 17. 16. 15. 14. 13. 12. 11. 10. 9... 8... 7... 6... 5... 
4, 3, 2, 1! 0! Jetzt müsste er eigentlich da sein. Ich warte noch ein bisschen ab. Schaue aus dem Fenster. Nix. Nix. Nix. Nix... HANUSZ!!!
Ich öffne das Fenster. Winke. Rufe laut seinen Namen.
Hanusz springt vom Fahrrad. Er trägt noch seine Schuluniform. Er schaut zu mir herauf und entdeckt mich. Er schiebt das Fahrrad zu einem Fahrradständer. Das dunkle Sakko, die dunkle Hose, die dunkle Krawatte und das helle Poloshirt geben seiner Ausstrahlung einen ernsten, erwachsenen Anstrich.
Ich renne die Treppe hinunter, mache die Haustür auf und laufe in den Garten, wo Hanusz steht und wartet. Draußen weht ein kalter Wind. Ich stülpe mir den Pullover über und setze mich auf einen Stein.
Hanusz sieht mich voller Erwartung an. "Was willst du von mir wissen?", fragt er. "Ich habe nicht viel Zeit." Der Hahn vergräbt die Flügel in den Jackentaschen.
Was er sagt, stimmt nicht. "Du hast viel Zeit. Du willst nur, dass ich mich kurz fasse. Keine Sorge. Das mach ich eh." Ich streiche mir mit dem Huf eine blonde Strähne aus dem Pferdegesicht, blinzele und versuche, ihm in die Augen zu schauen.
Hanusz schüttelt den Kopf. Sein Hahnenkamm bewegt sich dabei. "Gib auf." Er will wieder zum Fahrrad laufen. Aber ich gebe nicht auf. Ich stehe auf und renne ihm hinterher. "Hanusz! Bleib! Was ist los mit dir?", rufe ich laut. Mama und Papa stecken ihre Köpfe aus dem Fenster. Die ganze Nachbarschaft tut es ihnen gleich...
Hanusz seufzt. "Gib auf, Ponita. Gib es auf." Seine Stimme ist leise und rau, aber meine Eltern und die Nachbarn verstehen trotzdem jedes eizelne Wort. Das Interesse der Erwachsenen ist geweckt!
Ich durchbohre den Hahn mit meinem Blick. "Was ist los mit dir?", wiederhole ich.
Hanusz legt den Kopf schief. "Ponita..." Er seufzt wieder.
Alle sehen, wie meine weißblonde Mähne im Wind weht. Vermutlich denken sie jetzt, dass sie in einen Hollywood-Film geplatzt sind.
Hanusz hält seine Krawatte fest. Ich habe das Gefühl, dass er das schon mal getan hat. Aber ich habe nicht die Kapitel der anderen gelesen und er scheint über diese Tatsache erleichtert zu sein. Sein Schnabel zittert leicht. Er will etwas sagen. Aber er unterdrückt seinen Drang danach und schließt den Schnabel wieder. Er scheint einen inneren Kampf zu führen.
"Hanusz, sag etwas! Was ist los mit dir?! Hazian und Luchsa wissen es auch nicht, und sie wollen es noch dringender wissen als ich! Also - Sag es!", fordere ich. Meine Stimme zittert leicht, aber ich gebe mir Mühe, ihr einen besonders scharfen und schneidenden Unterton zu verleihen.
Hanusz Huhnski dreht sich weg. Nach einer Weile murmelt er: "Hazian und Luchsa dürfen es nicht erfahren. Und du hast auch keinen Grund dazu, es zu wissen. Du... du kannst es wissen, aber wozu? Du wirst nur sauer sein, Ponita. Glaub mir. Du wirst nur sauer sein."
Ich spüre, wie die Wut und Empörung in mir hochsteigt. Will er andeuten, dass er in mich verliebt ist? Das wäre schlimm. Ein Hahn in eine Stute - das geht nicht! "Hanusz! Das darf nicht sein!", schreie ich unkontrolliert.
Ein verschmitztes Lächeln huscht über seine Schnabelspitzen. "Das, was ich wirklich sagen will, darf noch weniger sein."
Weiß er überhaupt, wovon ich rede? Er kann doch keine Gedanken lesen. "Bist du in mich verliebt?", frage ich ernst und mein länglicher Pferdekopf wird unter dem Fell hochrot.
Der junge Hahn schaut mich verständnislos an, sein Blick ist glasig. Dann schüttelt er den Kopf. "Nein." Plötzlich wird er laut: "Nie! Was geht eigentlich vor in deinem Kopf?!" Er fuchtelt mit dem Flügel, mit dem er seine Krawatte festhält, und als er begreift, was er tut, fällt sein Blick auf die Krawatte. Auf einmal ist seine Wut wie weggeblasen und er ist ernst, nur noch ernst. "Wenn es bloß nur das wäre..."
Ich verstehe ihn nicht. Was ist los mit ihm? Ist er in irgendwen anderes verliebt?! ?!?!?!?!
Diese Vermutung bestätigt sich. "Nein, nicht in dich", sagt Hanusz, "sondern... ... ... ..."
"Sondern?! In wen?!" Mir platzt der Kragen. Und urplötzlich ist meine Wut nicht mehr da, nur noch Enttäuschung. Denn ich habe eine Erkenntnis.
"Sondern in Wolfiana?", rufe ich, und die Nachbarn und Eltern schreien verzweifelt mit.
"Tak." Hanusz wirft mir einen bedauernden Blick zu und schwingt sich auf sein Fahrrad.
Tak.
Ja.
Tak bedeutet Ja.

  

Die Folgen vom
Skandal Wolfiana

Wieder ein Schultag geschafft! gestern habe ich Hazian, Luchsa und Tigia geschrieben, dass ich ihnen heute alles genau erklären werde.
Wir treffen uns vor dem Schulgebäude. Tigia ist noch nicht draußen. Ich warte auf sie.
Feldmausina läuft auf den Schulhof. Wolfiana verfolgt sie. Wetten, Wolfiana fängt jetzt einen Streit an? Ich laufe schnell zu Feldmausina. "Lauf schnell!", flüstere ich ihr ins Ohr. Sie wirft einen Blick nach hinten und tut, was ich sage. Endlich hat sie Wolfiana abgehängt! Ich freue mich für sie.
Wolfiana ärgert sich, das merkt man. 
Wie ich sehe, ist Tigia schon bei Hazian und Luchsa. Die 3 lachen über irgendetwas. "Was ist?", frage ich und laufe zu ihnen.
"Luchsa hat einen Farbfleck auf dem Boden gesehen und sich nach unten gebeugt, um seine Ohren damit zu färben, aber das hat nur halb geklappt und sieht jetzt sehr komisch aus", erklärt Tigia.
"Luchsa ist zu groß und breit, deshalb kann er sich schlecht dehnen", spottet Hazian. Ich schaue mir die Ohren von Luchsa an. Farbe vom Boden auf die Ohren zu schmieren, ist irgendwie unhygienisch. "Also", sage ich, "jetzt kommt die Info des Tages: Hanusz..."
"Ja?", fragen Tigia, Luchsa und Hazian im Chor und stecken neugierig die Köpfe zusammen.
"Hanusz ist in Wolfiana verliebt!", verkünde ich.
"WAS?" Meine 3 Gegenüber sind alle entgeistert.
"Was... was hast du gesagt? Nochmal, bitte." Luchsa glaubt ernsthaft, sich verhört zu haben.
"HANUSZ IST IN WOLFIANA VERLIEBT", erkläre ich laut, damit alle es richtig verstehen.
"Skandal!" Luchsa kann es immer noch nicht fassen. "Skandal. Das ist ein Skandal."
Hazian fasst sich mit der Pfote an den Kopf, schüttelt diesen und schließt die Augen. "Hanusz, Hanusz... ach Hanusz. Mein Gott... Ernsthaft?" Er öffnet die Augen, um Tigia und mich anzusehen, und schließt sie wieder. "
Hanusz, Hanusz...", wiederholt er. Luchsa rammt ihm den Ellbogen in die Schulter, um ihn auf den vorbeilaufenden Hanusz aufmerksam zu machen. Vorbeilaufenden? Eher läuft er auf uns zu, und zwar, genauer gesagt, nicht auf uns sondern auf mich!
"Ponita", sagt er mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, "Ppponita..." Die Betonung liegt auf dem O von meinem Namen. Im Polnischen wird mein Name etwas anders ausgesprochen als im Deutschen.
Hanusz verengt die Augen und greift mir an die Schulter. In leisem, zischenden Tonfall raunt er mir zu: "Du weißt es! Und du hast es gesagt..."
Ich weiß nicht, was er jetzt tun wird. Und erst recht nicht weiß ich, was ich jetzt tue.
Hanusz lässt mich los, sein Blick ist gesenkt. "Ponita Nowak. Du..." Er seufzt und schaut mich aus seinen Hühneraugen verzweifelt an. Sein Gesicht wirkt blass und farblos, nur das Rot seines Hahnenkamms und seines Kehllappens sticht hervor. Und jetzt durchbohrt er mich mit seinem verzweifelten Blick. Ich kann das Feuer, das in seinen runden Augen lodert, förmlich sehen. "Stute!"
Er dreht sich um, rennt zu seinem Fahrrad und steigt auf den Fahrradsattel.
Luchsa krempelt seine Ärmel hoch und läuft ihm hinterher. "Hanusz! Hanusz, bleib!" Er klingt nicht wütend.
Hanusz hört nicht auf Luchsa. Er tritt hartnäckig in die Pedale. Aber auch Luchsa gibt sich nicht leicht geschlagen. "Hanusz Huhnski! Stopp!", ruft er und sprintet seinem Freund hinterher. Hanusz will abbiegen.
Luchsa macht etwas sehr gefährliches. Er springt auf Hanuszs Hinterreifen drauf, hält ihn fest und zieht an ihm. Widerwillig stoppt Hanusz, um Luchsa nicht zu überfahren. Er steigt ärgerlich ab und hilft Luchsa, der inzwischen, das Rad immer noch festhaltend, auf dem Boden liegt, auf. Auf Luchsas weißem Hemd kann man eine schmutzige braune Spur vom Fahrradreifen sehen.
Tigia schaut mich an.
"Was willst du denn noch von mir?", fragt Hanusz und die Not und Hilflosigkeit ist ihm deutlich anzumerken. "Luchsa, du weißt, dass du keine Schuld hast! Ponita hat's ausgeplappert, auf Ponita bin ich sauer. Was ist jetzt noch los?!" Er lässt die Flügel mit einem klatschenden Geräusch an die Oberschenkel fallen. "Wenn du mir eine Standpauke wegen Wolfiana halten willst, dann empehle ich dir jetzt schon, sie dir zu ersparen. Ist nicht nötig, Luchsa!" Der junge Hahn will wieder aufs Fahrrad steigen.
Luchsa versucht, ihn festzuhalten. "Aber..."
Er kann nicht ausreden. Hazian unterbricht ihn. "Hanusz! Ich will dir eine Standpauke halten! Das ist wirklich verantwortungslos von dir gegenüber mir und auch gegenüber Luchsa, dich einfach so in diese Wolfiana zu verlieben! Das... Ausgerechnet in sie! Bei jeder anderen kann ich ein Auge zudrücken, aber Wolfiana? Nein, da mach ich nicht mit! Was ist denn das für ein Freund, der sich in die Feindin verliebt, also wirklich, Hanusz Huhnski!"
Am liebsten würde er noch weiterschreien, doch Luchsa hält ihm den Mund zu und rennt gleichzeitig Hanusz nach. "Halt den Mund, Hazian", fährt er den Hasen an. "Das zu sagen, ist nicht dein Recht, du Miesepeter! Hanusz kann nichts dafür und du sollst dich mal nicht so lächerlich anstellen. Hanusz ist mein Freund, kapiert?! Und deiner ist er auch, wenn du ihn nicht wegen Kleinigkeiten anmotzt." Er wendet sich Hanusz zu: "Hanusz, du brauchst nicht vor uns wegzufahren, bei... Bei deinem Vater Hanego! Das ist alles nicht nötig."
Ein Schatten huscht über das Gesicht des jungen Hahns. Er schaut zu Luchsa, dann zu Hazian, dann zu mir. Er senkt den Kopf, schüttelt ihn und kneift schließlich die Augen zusammen. Schmerz. Kampf. Beides sieht man ihm an. Schließlich geht er auf Luchsa zu und klopft ihm auf die Schulter. "Luchsa, du hast alles richtig gemacht. Hazian und Ponita, ihr auch. Es war mein Fehler und meine Schuld. Aber ich konnte nicht anders, das... das müsst ihr mir glauben! Ich konnte es nicht verhindern, dass ich mich... in..." Hanusz stockt. Seine Augen glühen vor Ratlosigkeit und Verzweiflung.
Ich halte ihm den Huf hin, und er legt seinen Flügel darauf. "Hanusz, du brauchst dich jetzt nicht zu entschuldigen", sage ich und bemühe mich um ein halbwegs realistisches Lächeln. Luchsa nickt mir zu, dann ziehe ich meinen Huf weg und Luchsa gibt Hanusz dafür seine Pfote.
In diesem Augenblick gibt Hazian ein verärgertes Knurren von sich. Als Hanusz, Luchsa, Tigia und ich zu ihm schauen, brummt, faucht, zischt und grunzt er.
Luchsa stöhnt genervt. "Was'n los? Was is'n jetzt wieder los?" Er starrt Hazian fassungslos und irritiert an. Tigia ist auch nicht gerade begeistert von Hazians plötzlichem Wutanfall.
Hanusz nutzt den Moment, in dem er nicht bemerkt wird, und fährt auf seinem Fahrrad davon.
Hazian stampft mit dem Fuß auf und reißt sich die Krawatte vom Hals. "Ich kann es nicht fassen", knurrt er. "Hanusz in Wolfiana. Ich kann es nicht fassen. Das geht einfach nicht. Hanusz hat uns verraten."
Luchsa verdreht die Augen und steckt die Hände in die Hosentaschen. "Hazian, Hazian. Du bist viel zu nachtragend. Ich muss nach Hause. Wie lange willst du uns noch aufhalten?"
Plötzlich springt Hazian auf. Er wirkt auf einmal aggressiv. "So lange, wie du Hanusz noch verteidigst! Das reicht jetzt!", faucht er. "Du begreifst nicht, was es bedeutet, dass er uns verraten hat! Die Lage ist ernst, Luchsa! Aber du begreifst es nicht!"
Luchsa platzt der Kragen. Er wird handgreiflich Hazian gegenüber. "Hanusz hat uns nicht verraten, kapiert?! Was hast du eigentlich für absurde Gedanken?! Bist du überhaupt noch sein Freund?" Luchsas Stimme wird immer lauter.
Hazian zerrt Luchsa an der Krawatte. Nach einer Weile huscht ein finsteres Lächeln über seinen Mund. Seine Augen funkeln. "Nein", sagt er gedehnt. "Ich - Nein, ich bin nicht mehr sein Freund, Luchsa. Und deiner auch nicht mehr..." Der Hase  lacht leise auf.
Das kann ich nicht akzeptieren. Wut und Enttäuschung steigen in mir hoch und bleiben im Hals stecken. "Was?", rufe ich. Ich kann mich nicht kontrollieren.
Auch Tigia und Luchsa sind wütend. Sie schreien im Chor: "Was?" und ich stimme mit ein...

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: 7. Pumos

  7. Pumos Von Gummi-Burgern und  Manierenmangel Ich versteh echt nicht, warum meine Eltern nie Zeit haben, mir mal vernünftiges Essen einzu...