Sonntag, 21. September 2025

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: 7. Pumos

 
7. Pumos

Von Gummi-Burgern und 
Manierenmangel

Ich versteh echt nicht, warum meine Eltern nie Zeit haben, mir mal vernünftiges Essen einzupacken. Früher war es ja noch o.k. Aber inzwischen wird es echt nötig, immer diese Soße zu kaufen. So lecker ist die gar nicht, aber es ist besser mit als ohne. Keine Ahnung, woher Wolfiana die eigentlich hat. Ich werd den Verdacht nicht los, dass sie die Soße gar nicht selber produziert. Vielleicht stellt ihr Vater oder ihre Mutter - wobei, ja, eher ihre Mutter - die her. Bei Wolfiana müsste man dann ja Spuren sehen, Brandlöcher in der Kleidung zum Beispiel oder Kochspuren an den Fingernägeln. Das sind gar keine echten Fingernägel. Wolfiana klebt sich - ich weiß nicht so genau, seit wann sie das schon macht - solche künstlichen glitzerigen Fingernägel auf die Krallen. Ich hab das Gefühl, auf die Dauer ist das ziemlich ungesund für die Krallen - da muss man dann so einen chemischen Kleber draufmachen, der aus lauter komischen Chemikalien besteht. Ansonsten fallen diese Kunstnägel ja gleich wieder ab. Früher, in der Grundschule, da hatte Wolfiana noch nicht das Geld, um sich ungesunde Glitzernägel, überstylte Krawatten, protzige hypermoderne Fake-Mercedes-Autos und rote Mountainbikes zu kaufen. Damals bestand ihr tägliches Outfit aus einem schmutzigen Paar Stiefel, einem dunkelblauen geflickten Rock oder einer übergroßen ausgeblichenen Jeanshose und einem Oberteil wie einem dunkelblauen Schlabberpulli oder einem uncoolen Langarm-Shirt. Und sie hat ein einziges Outfit mindestens 2 Wochen lang getragen. Dann hatte ihr Vater plötzlich eine Menge Geld, und seitdem hat Wolfiana alles, um Klassencoolste zu werden.

Gerade haben wir Mittagessen. Es ist Montag. Den Montag mag ich nicht. Keine Ahnung, welcher Wochtentag mein Lieblingstag ist. Ich glaube, der Freitag. Am Freitag weiß man, dass man die Woche bald hinter sich hat, und kann sich aufs Wochenende freuen. Ich vor allem. Samstag und Sonntag sind die einzigen Wochentage, wo es leckeres Essen gibt. Dann nehmen sich meine Eltern nämlich die Zeit, um was vernünftiges zu kochen. Anders als an Schultagen. Manchmal hab ich beim Mittagessen labbrige oder zu harte Pommes dabei, manchmal Haferschleim, manchmal ein altes, hartes Brötchen ohne Geschmack. Heute ist es ein gummiartiger Burger, den es in jedem noch so billigen Supermarkt zu kaufen gibt und der mit so vielen Konservierungsmitteln und sonstigen ungesunden Chemikalien behandelt wurde, dass er bestimmt noch 10 Jahre im Kühlfach des Supermarkts stehen könnte und nicht vergammeln würde. Man braucht ihn nur einmal in der Mikrowelle zu erwärmen, dann ist er fertig. Ich muss schon sagen, man muss echt faul genug sein, um sowas überhaupt zu kaufen.
Ich nehme das obere Brötchen ab und schaue, was drin ist: bisschen knallgelber Käse, mit einer plastikartigen Schicht Koservierungskram überzogenes billiges Fleisch, Salat und eine Unmenge Dressing. Das Dressing ist vermischt mit überzuckertem Ketchup und Mayo.
Ich beiße lustlos in das pappige Brötchen. Sein Hellbraun kommt mir unnatürlich vor. Es schmeckt fad, fast nach nichts. Überhaupt nicht geschmacksintensiv.
Seufzend wühle ich in meiner Hosentasche und hole einen zerknitterten Geldschein heraus. Ich ticke Wolfiana an, die neben mir sitzt und gerade vor Bisoumes mit ihrer neuesten Krawatte prahlt.
Sie dreht sich zu mir um und schaut zu mir, redet währenddessen aber weiterhin auf Bisoumes ein.
Ich warte, bis sie mit ihrem Satz fertig ist, damit sie mir auch zuhört. Es kommt ziemlich oft vor, dass sie mich einfach ignoriert und überhört, wenn ich in sie reinrede, deswegen ist es schlauer, abzuwarten.
"Wolfiana!", sage ich schnell, bevor sie einen neuen Satz anfängt, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
"Ja?", fragt sie genervt. "Was ist?"
"Hier, nimm. Gegen eine Dose." Ich drücke ihr den Geldschein in die Hand und zeige auf eine Dose Soße, die sie hinter ihrem Rücken versteckt.
Wolfiana setzt sofort ihr komisches Wolfiana-Lächeln auf, blinzelt übertrieben und greift, immer noch blinzelnd, nach der Dose. Immer dieses dumme Blinzeln. Das macht sie, um auf ihre Wimpern aufmerksam zu machen. Inzwischen weiß ich, dass diese Wimpern gar nicht echt sind, so wie die glitzerigen Kunstnägel. Irgendwie neigt Wolfiana dazu, künstiche Sachen auf sich draufzukleben. Mir kommt das echt blöd vor. Sie ist noch viel zu jung, um sich über Schminke und sonstiges ähnliches Gedanken zu machen. Meistens beachte ich das einfach nicht so.
Wolfiana hält mir die Dose hin und fängt wieder an, mit Bisoumes zu reden. Ich reiße ihr die Dose mit der Soße aus der Pfote und mache den Deckel ab. Ein langweiliger, aber starker Geruch steigt mir in die Nase. Eindeutig Soße. Die Zutaten kann ich nicht genau erkennen. Tomate ist drin, Zucker, Curry, Kräuter, Salz... Ich zucke die Achseln und schütte mir den Inhalt der Dose auf meinen Gummiburger. Ich glaube, Gummiburger mit Soße ist auch nicht viel leckerer, aber immerhin schmeckt es dann überhaupt nach irgendwas.
Ich mache mein Maul so weit ich kann auf und beiße so viel wie möglich vom Burger ab. Ungefähr 2 Drittel des Burgers hab ich jetzt abgebissen. Nee, lecker ist der nicht. Trotz Soße.
Ich mampfe mit vollen Backen, schlucke alles auf einmal runter und stopfe mir noch den Rest des Burgers ins Maul. Ein paar laute Kaugeräusche kann ich nicht verhindern. Ich weiß, ich esse ziemlich unhöflich. Keine guten Manieren. Aber keine Sorge, die guten Manieren hab ich schon längst verlernt. Seit ich mit Wolfiana und Bisoumes befreundet bin. Die beiden haben nämlich auch keine.
Irgendwie ist es manchmal ja auch leichter ohne. Zum Beispiel kann man mampfen und schmatzen. Man muss also nicht darauf achten, komplett geräuschlos und mit geschlossenem Maul zu essen. Auch ist es ja irgendwie cool, keine Manieren zu haben. Also, wenn es schon als cool gilt, Schimpfwörter zu benutzen und andere zu beleidigen, und wenn es als uncool gilt, fleißig, gewissenhaft und gerecht zu sein. Es gibt übrigens eine Gruppe, die nach diesen Kriterien "uncool" wäre: Die Gruppe von Hanusz, Ponita, Tigia und Feldmausina. Dazu gehört ja eigentlich auch noch dieser Luchsa Pinslego von der Schule nebenan. Die leben ganz schön in ihrer eigenen Welt, wo es nur darum geht, Feldmausinas zu helfen, vor Wolfiana zu flüchten und sich untereinander zu zerstreiten.

"Schmeckt die Soße?"
War ja klar, das fragt sie immer. Weil sie sich überzeugen will, dass ich immer noch ihr Kunde bin. Widerwillig schaue ich zu Wolfiana, zu ihrem zuckersüßen gekünstelten Lächeln.
"Hm", mache ich, zucke mit den Achseln und drehe mich wieder weg. Ehrlich gesagt schmeckt die Soße nicht wirklich. Ja, schon, natürlich, sie gibt dem Essen einen Geschmack... Aber ob man sagen kann, dass das Essen dadurch wirklich lecker wird? Ich sag mal so: Die komische Soße von Wolfiana ist immerhin besser als gar keine Soße. Nur - So wirklich helfen tut sie eben nicht.
"Brauchst mich nicht immer zu fragen", grummele ich und mache meine leere Brotbox zu. Ich weiß, inzwischen bin ich so ziemlich der Klassengrummeligste. Jedenfalls mache ich auf die meisten diesen Eindruck.

Das Mittagessen ist jetzt vorbei. Wir müssen aus der Mensa raus und wieder nach unten. Unten auf dem Schulhof werden wir dann noch von den Lehrern verabschiedet und erst dann ist offiziell Schulschluss.
Ich renne die Treppe nach unten, auch wenn Rennen eigentlich verboten ist. Ein paar Mal bin ich auch schon das Treppengeländer runtergerutscht.
Unten mache ich meinen Spind auf, hole meinen Rucksack raus und stopfe meine Brotbox in meinen Rucksack. Ich renne auf den Schulhof.

Hasinde verabschiedet uns. "So, liebe Schüler, jetzt könnt ihr gehen!", ruft sie. Die Tierkinder stürmen sofort los.
Ich auch. Ich renne zu meinen Eltern und meiner großen Schwester, die vor dem Schultor warten. Die Trinkflasche in meinem Rucksack klappert laut. Das kann echt nervig sein.
"Komm, Pumos", sagt mein Vater entschieden. "Wir fahren dich jetzt nach Hause, und danach müssen wir noch zur Autowerkstatt. Wir wurden heute angefahren."
Ich folge meinen Eltern und meiner großen Schwester zum Auto. Die Fahrertür ist etwas verbeult und hat ein, zwei Kratzer. Mein Vater drückt auf den Autoschlüssel. Die Blinklichter blinken. Ich mache den Kofferraum auf und stelle meinen Rucksack rein. Dann öffne ich die Autotür und setze mich hinten hin. Durch das Autofenster sehe ich, dass meine Eltern noch vor der verbeulten Fahrertür stehen bleiben, sie verärgert anschauen und den Kopf schütteln.
Mein Vater reißt die Tür auf. Er und meine Mutter steigen ein und schnallen sich an. Meine Schwester und ich schnallen uns auch an. Mein Vater fährt los.
"Pumabella?", ruft er nach hinten.
"Ja?", murmelt neben mir meine Schwester.
"Wenn du wieder das Auto siehst, das uns angefahren hat, sag uns bescheid!"
"Ja, okay..."
Pumabella hat heute früher Schulschluss gehabt als ich, deshalb war sie heute wahrscheinlichauch schon mit meinen Eltern im Auto und hat das blöde Auto gesehen.
Wir fahren über eine langweilige Straße, dann über eine langweilige Autobahn. Meine Eltern murren leise über den fahrlässigen Autofahrer, der sie angefahren hat. Teilweise reden sie miteinander, teilweise führen sie Selbstgespräche.
Ich stütze den Kopf auf die Pfoten und schaue aus dem Fenster. Autobahn, Autobahn, Autobahn. Schwarze Teerstraßen, blaue Schilder mit weißen Pfeilen und Namen von Städten, Lärmschutzwände mit Graffiti, graue Leitplanken, schwarze, dunkelblaue, graue, weiße und rote Autos, die alle die gleiche Geschwindigkeit fahren und sich gegenseitig überholen... Autobahn halt.
Moment mal. Ein Auto fährt schneller als die anderen und überholt viele Autos, manchmal ist das sogar ziemlich gefährlich. Ich höre viele Autohupen. Das blöde Auto wird also angehupt.
Pumabella wird durch das viele Hupen auf das Auto aufmerksam. Sie tickt mich an. "Pumos!", raunt sie. "Das ist das Auto, das uns angefahren hat!"
Vorne am Lenkrad zuckt mein Vater zusammen. Er fährt herum. "Was?!" Er starrt zum Fenster hinaus. Meine Mutter fährt die Fensterscheibe heunter.
Mein Vater schaltet den Gang höher und fährt, schneller als erlaubt ist, auf das rote Auto zu. "Hey!", brüllt er durch das offene Autofenster. Das Autofenster des brutalen Fahrers ist auch offen. Als wir nah genug sind, höre ich, dass aus dem Auto laute Musik kommt.
"HEY!!!", brüllt mein Vater noch mal. "Sind Sie der, der uns angefahren hat?!"
Der Autofahrer, ein hässlicher grauer Wolf, bleibt kalt. In seinem Maul steckt eine lange Zigarette, aus der stinkender Rauch kommt. Meine Nase zuckt ein paar Mal, dann muss ich niesen. Als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich, dass das Auto gefährlich nah an unsers herangefahren ist. Die Musik wird lauter und lauter, der Zigarettenrauch stinkender und unerträglicher.
Das Auto sieht aus wie ein matt rot schimmernder Mercedes-Benz. Hm. Eher fake. Ein Fake-Mercedes!
Am Steuer ist Wolfimir, Wolfianas Vater. Ich beuge mich vor und stupse meinen Vater an. "W. K.!", raune ich. W. K. Wolfimir Kremlin. "Der Superreiche mit der Soßen-Tochter... Der Soßenproduzent!", murmelt meine Mutter.
Plötzlich zerrt mein Vater Pumo seine Mundwinkel so weit nach oben, wie er kann. Ich verdrehe die Augen. Jetzt will er nett tun, damit Wolfiana mir weiter die Soße verkauft, damit er und meine Mutter mir kein vernünftiges Essen machen müssen.
So ein Teufelskreis. Faulheit. Kein gutes Essen. Soße. Besseres Essen. Bezahlen. Geld weg. Arm. Kein Geld für gutes Essen. Schrottessen. Soße. Und so weiter.

Durch das getönte Fenster des Fake-Mercedes sehe ich Wolfiana. Sie verkauft die Soße. Soll ich das jetzt gut oder schlecht finden? Keine Ahnung. Ich verschränke die Arme. Ich brauche die Soße. Aber sie verschlimmert den Teufelskreis.
Wolfiana winkt. Sie sagt etwas wie Hallo. Ich winke grummelig zurück. Supergrummelig. Ich bin der Klassengrummeligste.
Ich bin der Einzige, der Schrottessen wie Gummiburger oder Labberpommes dabei hat. Der einzige, der keine Manieren hat und trotzdem uncool ist. Der einzige, der schon Bartflaum hat. Und vor allem der KLASSENGRUMMELIGSTE.

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