Sonntag, 31. August 2025

Ponita & Wolfiana im Gymnasium: Nachtrag

Nachtrag

Wolfiana trat so schnell sie konnte in die Pedale. Sie war sich ziemlich sicher, Luchsa, Tigia und die anderen abgehängt zu haben. Was aus Hazian wurde, war ihr egal. Vielleicht hatte er Luchsa, Tigia, Hanusz und Ponita irgendwie bewegungsunfähig gemacht. Oder vielleicht hatten sie ihn bewegungsunfähig gemacht. Es konnte auch sein, dass sie ihn verprügelt hatten. Das war ihr egal. Hauptsache, sie war allein mit Feldmausina und hatte die auch noch unter ihrer Fuchtel. Hauptsache, niemand konnte Feldmausina jetzt helfen.
Was hatte Wolfiana vor? Sie hatte vor, Feldmausina das Leben schwer zu machen:
"Ich durfte meine Agression nicht mehr vor allen zeigen, nur unter vier Augen, damit nur das Opfer davon wusste. Und dieses Opfer ist Feldmausina. Ich hasse sie, seit sie sich mit 5 Jahren gegen mich gewehrt hat. Ich habe Ponita und sie entführt, aber sie haben Widerstand geleistet und mich in die Flucht geschlagen. Ich sehe sie noch vor mir, als wäre all das nicht vor 5 - 6 Jahren, sondern erst gestern passiert. Es gibt ein Bild, das mir nie wieder aus dem Kopf gehen will: Ponita und Feldmausina Arm in Arm, unzertrennlich, ein starkes Team, die besten Freunde. Und an dieser Freundschaft durfte und konnte ich nie teilhaben. Sie waren zu gut und ich zu böse.
...
Dann denke ich nach und jedes Mal überkommt mich die schmerzhafte Erkenntnis, dass so eine ehrliche, beschwerdenlose Freundschaft wie die von Ponita und Feldmausina bei mir nie möglich sein wird. Denn irgendwann bekomme ich immer das Bedürfnis nach Chaos, Schaden und Rache. Und dann zerbricht die neugewonnene Freundschaft, weil ich sie zerstöre. Mein Wunsch nach Rache ist zu groß. Mein Hass und meine Unglücklichkeit sind zu stark."
Wolfiana legte eine Vollbremsung hin. Feldmausina, die nicht richtig auf einem Sitz saß, flog in hohem Bogen vom Fahrrad. Wolfiana lachte darüber, aber sie wurde schnell wieder ernst und beeilte sich, vom Fahrrad zu steigen und den Fahrradständer auszuklappen. Ihre Bewegung mit dem Bein war so fahrig, dass sie den Fahrradständer verfehlte und ihr rotes Fahrrad zur Seite kippte und ins Gras fiel. Wolfiana ärgerte sich einige Sekunden lang, dann war es ihr plötzlich egal und schließlich fand sie, es wäre gut so. Mit einem schiefen, schadenfrohen Grinsen auf den Lippen ging sie auf Feldmausina zu, die rücklings vor ihr auf dem Boden lag und nicht dazu fähig war, sich aufzurichten.
Die Wölfin blieb vor ihr stehen und beugte sich über sie. Ihr Grinsen wurde zu einem Lächeln, hämisch, gemein, listig, fast sanft. Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig. Er wurde wütend und aggressiv. Sie bückte sich nach einem herumliegenden Stock, hob ihn auf und schlug Feldmausina damit erst auf die Beine und dann auf den Bauch. Die wehrlose Feldmaus rollte sich auf die andere Seite, stützte sich ab und stand auf. Flucht war kaum möglich, denn Wolfiana war auf dem Fahrrad sehr schnell und es würde zu einer Verfolgungsjagt kommen. Liegenbleiben konnte sie auch nicht. Zwar war sie körperlich nicht in der besten Verfassung und sehr erholungsbedürftig, aber Zeit für Erholung war nicht vorhanden und sie konnte auch nicht einfach liegenbleiben; so wäre sie Wolfiana komplett ausgeliefert. Also stand sie mühsam auf und stellte sich Wolfiana gegenüber. Sie verstand nicht, warum Wolfianas Hass auf sie so stark war, aber sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie musste jetzt kämpfen. Mit Verstärkung konnte sie nicht rechnen. Hanusz, Ponita, Luchsa und Tigia waren wahrscheinlich mit Hazian beschäftigt. Sie war auf sich allein gestellt. Feldmausina wünschte sich, sie wäre nicht zu dieser Verabredung gekommen. Dann wäre das definitiv nicht passiert. Dann würde sie das auch nicht alles ihren Eltern sagen müssen. Die waren zurzeit zwar sehr beschäftigt (sie wusste nicht genau, womit), aber die Prügelei würde bestimmt ihre Spuren hinterlassen, und ohne ein Geständnis würde sie bei ihrer Mutter Feldmausilia Feldov ganz sicher nicht durchkommen.

Nur waren alle diese Gedanken leider alle unnötig. Es ging jetzt darum, ob sie überlebte, und nicht darum, was ihre Eltern sagen würden. In letzter Zeit sagten die übrigens ziemlich wenig. Sie waren nicht mehr gesprächig wie früher. Sie waren zu beschäftigt. Wenn sie viel redeten, dann mit Fremden. Diese Gespräche waren sehr wichtig, das wusste Feldmausina, aber warum, das wusste sie nicht. Manchmal kamen ihre Eltern ausgelaugt und erschöpft, aber auch erleichtert und beruhigt von diesen Gesprächen zurück. Oder manchmal kehrten sie auch mit hängenden Schultern und unzufriedenen, empörten Gesichtern zurück. Und egal wie sie zurückkamen, ernst blieben sie immer.

"Aua!", schrie Feldmausina plötzlich und hielt die Pfoten schützend vor ihren Kopf. Sie war wieder in Gedanken versunken und hatte dann die grausame Erkenntnis machen müssen, dass Wolfiana wieder mit dem Stock nach ihr schlug. Feldmausina sah auf dem Boden einen weiteren Stock, griff nach ihm und brachte sich in Kampfposition. Als Wolfiana zu einem weiteren Schlag ansetzte, wehrte sie den mit ihrem eigenen Stock erfolgreich ab. Da Wolfiana aber schnell und systematisch vorging, bekam Feldmausina trotzdem Schläge ab. Ab und zu schaffte sie es auch selber, Wolfiana Schmerz zuzufügen. So ging es lange weiter.
Nach einer Weile zeigte sich dann aber doch, dass Wolfiana, die Wölfin, einfach stärker war und länger durchhielt. Während Feldmausina zunehmend langsamer und ungeschickter wurde und immer schwerer atmete, war Wolfiana noch ziemlich fit.
Schließlich gaben Feldmausinas Arme und Beine nach. Ihre Arme wollten ihr nicht mehr gehorchen - sie verfehlte Wolfiana und der Stock fiel ihr mehrmals runter.
Ihre Beine wurden weich wie Spaghetti. Es war schwer für sie, sich weiter auf ihnen zu halten und sich nicht fallen zu lassen. Wolfiana gewann schnell an Übermacht. Ihre nassen Lippen verzogen sich zu einem siegreichen Lächeln, das zu einem Lachen wurde. Sie lachte immer lauter und hämischer.

 

***

 

Während  Feldmausina und Wolfiana miteinander kämpften, folgten Tigia und Luchsa den frischen Reifenspuren im Rasen. Sie waren kurz davor, die Streithähne (in dem Fall Streithennen) hinter einer Hecke zu entdecken, als sie hinter sich unbeholfene schnelle Schritte und schweren Atem hörten. Luchsa und Tigia stellten die Ohren auf, schnupperten in der Luft und schauten schließlich nach hinten. Beide hatten nur einen Gedanken, als sie seine Anwesenheit mit allen Sinnen merkten: Hazian!
Luchsa drehte sich zu seinem ehemaligen Freund um. Hazians Krawatte war verrutscht, der Hemdkragen aufgerissen, der eine Ärmel zerrissen und die Hose voller Trittspuren. Anscheinend hatten Hanusz und Ponita versucht, ihn aufzuhalten, es aber nicht geschafft und sich nicht getraut, ihm aus dem Fenster zu folgen.
Luchsa war bereit, handgreiflich zu werden. Aber Hazian schien in ziemlich friedlicher Absicht hergekommen zu sein. "Luchsa, die Lage ist ernst!", sagte er, und es war ihm offenbar wirklich ernst. "Du verstehst sie nur falsch. Aber Feldmausina gehört nicht zu uns. Sie hat keinen Platz hier! Sie macht nur Ärger, wirklich! Sie hätte niemals zu dieser Verabredung kommen dürfen! Jetzt..." Er hüstelte.
"Jetzt hast du die ernste Lage so weit ausgeweitet wie es geht, indem du Feldmausina Wolfiana ausgeliefert hast und es uns allen damit schwer machst", knurrte Luchsa.
In der Welt gab es für ihn viel zu viele Zweifel. Ponita und Hanusz hatten Angst, aus dem Fenster zu springen, denn sie befürchteten, ihnen könnte etwas passieren. Hazian hatte Angst, Feldmausina zu helfen, denn er befürchtete, er könnte dadurch uncooler werden und Feldmausina könnte Ärger machen.
Aber diese ganzen Zweifel hinderten die Leute daran, klare Entscheidungen zu treffen, ohne die Luchsa es nicht lange aushielt, weil sie für ihn sehr wichtig waren.

 

***

 

Luchsa, Tigia, Hanusz und Ponita schafften es, Feldmausina und Wolfiana zu finden.
Es wurde langsam sehr spät. Irgendwann gab Wolfiana von alleine auf, um nach Hause zu gehen und zu Hause, nicht in Hanusz's Garten, zu schlafen, aber wenn sie gekonnt hätte, hätte sie weitergekämpft. Und sie würde nicht locker lassen. Wenn das Wochenende vorbei war und die Schule wieder anfing, würde sie versuchen, Feldmausina weiter das Leben schwer zu machen...

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